Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

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Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 25. Oktober 2024, 09:29

Da man, so in meinen Erinnerungen von diesem Ereignis in der DDR recht wenig erfahren hatte, außer den heroisierenden Darstellungen offizieller sowjetischer und damit auch deutscher (DDR) Geschichtsschreibung, gab es so gut wie keine Informationen wie es damals wirklich war in dieser Stadt.
Genau 872 Tage, also rund 900, vom 8.09.1941 bis zum 27. 01 1944, war die Stadt faktisch von der Außenwelt abgeschnitten.
Schätzungsweise lebten zum Beginn der Blockade rund 2,5 Mio Einwohner in der Stadt von denen, ebenfalls geschätzt [verlässliche Zahlen gibt es nicht] 1,1 Mio Menschen starben. Der größte Teil davon verhungerte.

Nun hatte der damalige sowjetische Schriftsteller Daniil Granin die Idee über diese Thematik mit seinem Co-Autor Ales Adamowitsch dokumentarische Chronik der Leningrader Blockade zu verfassen.
Das entstandene Buch ist eine Dokumentation aus Augenzeugenberichten, Erinnerungen, Tagebüchern und Briefen. Erste Auszüge daraus erschien 1977, das Buch 1979. Außer in Leningrad selbst, dort war es bis 1984 verboten [siehe dazu den entsprechenden Eintrag bei Wiki]
In der DDR selbst erschien das Buch in zwei Bänden 1984 / 1987.
Ich habe selbst die Auflage von 1987.

Damals gekauft und bisher gescheut es zu lesen.
Inzwischen habe ich es gelesen und es ist erschütternd.

Es ist fast nicht vorstellbar wie die Menschen faktisch ohne Heizung und ohne Strom, jedenfalls die meiste Zeit den Winter 1941/42 überleben konnten bei Temperaturen zwischen Minus 30 und 40 Grad.
Da die deutsche Luftwaffe Anfang September erfolgreich die Lagerhäuser bombardierte in denen Lebensmittelreserven lagerten war auch die Versorgung der Bevölkerung mit selbigen Katastrophal; jedenfalls im Winter 41/42.
Die tägliche Ration Brot sank auf 250 Gramm für die arbeitende Bevölkerung, 125 Gramm bekamen Kinder oder nicht arbeitende.
Die einzige Versorgungslinie wurde über den zugefrorenen Lagoda See eingerichtet welche aber die täglich benötigte Menge an Lebensmitteln nicht heranschaffen konnte. Dazu kamen das diese Linie permanent von deutschen Jagdbombern angegriffen wurde.

Insgesamt braucht man wohl starke Nerven um diese zwei Bücher zu lesen um die Vielzahl der geschilderten Schicksale einigermaßen Schadlos zu überstehen.

Nun habe ich mich danach etwas umgetan und entdeckte dann das Buch :
Das belagerte Leningrad 1941-1944: Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern: Eine Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern

Da es ein wissenschaftliches Fachbuch ist hat es seinen Preis, trotzdem habe ich es bestellt und es kam bei mir Anfang der Woche an.
Da ich mit dem Buch noch nicht ganz durch bin hier die Rezenzion von Amazon:
Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht ist – was die Zahl der Opfer und die Permanenz des Schreckens betrifft – die größte Katastrophe, die eine Stadt im Zweiten Weltkrieg erlitt. Nahezu 900 Tage lang – vom 7. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – war die Metropole an der Newa eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten. Als Folge dieser Blockade starben rund eine Million Menschen, die weitaus meisten durch Hunger und Mangelkrankheiten. Zum ersten Mal in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs werden die deutsche und die sowjetische Perspektive in einem Buch vereint. Der Autor stellt die Belagerung in den Kontext der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und beschreibt auf der Grundlage neuer Dokumente aus russischen Archiven die Reaktionen von Stalins Regime auf die existentiellen Herausforderungen der Blockade. Neben den erstaunlichen Leistungen, zu denen die sowjetische Diktatur im Krieg imstande war, finden auch die Versäumnisse und Mißerfolge der Verteidiger Leningrads in dieser differenzierten und packenden Darstellung ihren Platz. Das Buch revidiert gängige deutsche und sowjetische Geschichtsbilder gleichermaßen. So weist der Autor nach, daß die deutsche Belagerungsstrategie nicht dem militärstrategischen Kalkül entsprang, die Stadt einzunehmen. Die Annahme einer Kapitulation wurde von Hitler vielmehr kategorisch ausgeschlossen, da er das Ziel verfolgte, Leningrad und seine Einwohner vollständig zu vernichten. Auf der anderen Seite bricht die Darstellung mit dem sowjetischen Heldenmythos, der bisher auch die westliche Sichtweise stark geprägt hat. Eine Untersuchung der Rüstungsproduktion in der belagerten Stadt verweist das Bild der waffenproduzierenden Frontstadt in das Reich der Fabeln. Die fortgesetzte Verfolgung der Leningrader Bevölkerung durch den sowjetischen Geheimdienst relativiert die gängige Vorstellung vom 'Großen Vaterländischen Krieg' als einer Atempause zwischen den Wellen des stalinistischen Terrors. Und eine ungeschminkte Schilderung des Blockadealltags rückt vom Mythos einer in der Not zusammenhaltenden Solidargemeinschaft ab. Das Buch erschöpft sich aber nicht im Aufbrechen eines dogmatischen Geschichtsbildes. Im Schlußkapitel erklärt der Autor, wie der Heldenkult um die Blockade Leningrads entstand und warum sich die sowjetischen Formen der Kriegserinnerung in Rußland bis heute kaum verändert haben.

Nachdem was ich bisher gelesen habe kann ich diesen Worten nur Zustimmen.
Der heroisierende Mythos der Offiziell über den Heldenmut der Bevölkerung und der sowjetischen Armee gelegt wurde wird durch Dokumente vielfältigster Art mehr oder minder Entmythisiert und in das Reich der Fabeln verwiesen.

Selbst 80 Jahre nach einem der größten Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ist die damalig sowjetisierte Sicht auf diese schrecklichen Ereignisse noch nicht völlig aus der Welt geräumt.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon pentium » 25. Oktober 2024, 09:43

Die Blockade Leningrads – Fakten und Mythen einer russischen Kriegstragödie“
https://www.zukunft-braucht-erinnerung. ... nd-mythen/
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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Re: Die Blokade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 25. Oktober 2024, 10:14

Danke @pentium für den sehr informativen Link.

Ich hatte in meinem kurzen Bericht nicht erwähnt das das was als Brotrationen ausgegeben wurde nicht dem entspricht war wir heutzutage unter Brot verstehen.
Dem Brotteig wurden 12 Prozent Malz-, Soda- und Grützmehl, 2,5 Prozent zermahlene Rückstände aus Ölpressen und 1,5 Prozent Kleie beigemischt. (siehe Link von @pentium)
Ich vermute mal dass das was dann als Brot verkauft wurde würden heutige Ernährungs- und Lebensmitteltechniker als 'für die menschliche Ernährung ungeeignet' deklarieren.

Noch etwas ist mir eingefallen.
Ich war zu DDR Zeiten mindestens 3x für mehrere Tage in Leningrad.
Alles wo sich mal Lenin aufgehalten hat stand im Pflichtbesuchsprogrammen. Einzig das Blockademuseum wurde uns damals vorenthalten. Es wurde überhaupt nicht erwähnt das es eines gäbe.
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Re: Die Blokade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Gerd Böhmer » 25. Oktober 2024, 10:57

Danke an die Erinnerung, es war ja ein Kriegsverbrechen was da ablief.
Was sich mir eingeprägt hat, das durch militärische Aktionen beider Seiten in der Anfangsphase vom September 1941 erhebliche Mengen der Lebensmittelvorräte vernichtet wurden.
MfG Gerd Böhmer,
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Icke46 » 25. Oktober 2024, 11:07

Irgendwie ist mir das aber ein Rätsel, weshalb dieses Buch ausgerechnet in Leningrad Verboten war, genauso, warum seinerzeit Touristen sozusagen um die Blockade-Gedenkstätten herumgeführt wurden.

Wikipedia gibt da auch nicht viel her, nur dass das Verbot des Blockadebuches nach dem Wechsel in der lokalen Parteiführung aufgehoben wurde. Kuriosum am Rande: Der Leningrader Parteichef, der 1983 nach Moskau weitergereicht wurde, hatte den Namen Romanow, Spitzname „der letzte Romanow“…..
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon augenzeuge » 25. Oktober 2024, 11:29

Ich kenne den Sachverhalt gut. Traurig.

1983 hatte ich ein Mädel in Sotschi kennen gelernt. Sie wohnte in Leningrad.
1984 besuchte ich sie zu Hause. Ihre Eltern waren in der Zeit Kinder gewesen.

Das größte Problem für mich damals war, dass ich mich von der Gruppe 2 Tage abgesetzt hatte.
Ja, das Mädel besucht damals danach noch Ostberlin.

Ich hab der Überschrift ein c spendiert.

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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 25. Oktober 2024, 11:55

Gerd Böhmer hat geschrieben:
Was sich mir eingeprägt hat, das durch militärische Aktionen beider Seiten in der Anfangsphase vom September 1941 erhebliche Mengen der Lebensmittelvorräte vernichtet wurden.


Auch das ist wie sich inzwischen herausgestellt hat ein Mythos.
In den Badaev-Depots lagerten Lebensmittel für maximal zwei Tage. Es verbrannten Vorräte an Zucker für drei Tage und an Mehl für etwa anderthalb Tage, d.h. laufende Bestände, Da war nichts mit strategischen Reserven für Woche oder gar Monate. Steht auch so im eingestellten Link von @pentium.

@Icke46, die Denkmäler für die Blockade befinden sich alle außerhalb der Stadt, das in Leningrad/Petersburg eines steht ist mir nicht bekannt. Ich habe dazu auch nichts im Web gefunden.
Die außerhalb stehenden Denkmäler entstanden zwischen 1964 und 1968 und erhielten den Namen Grüner Gürtel des Ruhmes.

Touristische Ausflüge in Leningrad führten in der Regel zu den bekannten historischen Stätten wie Winterpalais, Smolny etc. und in der Umgebung zBsp.. zu den Residenzen von Katarina oder den Schlössern in Puschkin und der Sommerresidenz Zaren Petershof am finnischen Meerbusen.
Ansonsten wandelte der Tourist beharrlich auf den Spuren von Lenin in und um Petersburg/Leningrad.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon augenzeuge » 25. Oktober 2024, 12:42

Durch die Werkstore fuhren jeden Tag Panzer heraus und gingen direkt an die Front.


Das war aber ein langer Weg. Kamen die überhaupt an?

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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon augenzeuge » 25. Oktober 2024, 12:56

Tolle Leistung! Schaffen wir heute nicht mehr.

Am 18. Januar 1943 beschloß der Oberste Verteidigungsrat den beschleunigten Ausbau einer Eisenbahn-Nebenstrecke, die Leningrad mit dem restlichen Land verbinden sollte. In 18 Tagen legten die Bauleute die Linie Šlissel’burg-Poljana in einer Länge von 33 Kilometern und schufen einen Übergang über die Neva. Am Morgen des 7. Februar begrüßten die Einwohner Leningrads begeistert den ersten Eisenbahnzug, der bei ihnen eintraf.


Ganz genau betrachtet, bestand die Blockade nur ein dreiviertel Jahr. Dann verbesserte sich das Leben bereits etwas.
Nach dem grauenhaft schweren Winter kam das Frühjahr 1942. Die Ernährung der Bevölkerung und der Truppen verbesserte sich. Weil es den Weg des Lebens gab, bekamen die Leningrader Fleisch, Fette, Grieß – wenn auch nur in beschränktem Umfang.


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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Gerd Böhmer » 25. Oktober 2024, 15:18

Nostalgiker hat geschrieben:
Gerd Böhmer hat geschrieben:
Was sich mir eingeprägt hat, das durch militärische Aktionen beider Seiten in der Anfangsphase vom September 1941 erhebliche Mengen der Lebensmittelvorräte vernichtet wurden.

Auch das ist wie sich inzwischen herausgestellt hat ein Mythos.
In den Badaev-Depots lagerten Lebensmittel für maximal zwei Tage. Es verbrannten Vorräte an Zucker für drei Tage und an Mehl für etwa anderthalb Tage, d.h. laufende Bestände, Da war nichts mit strategischen Reserven für Woche oder gar Monate. Steht auch so im eingestellten Link von @pentium.
@Icke46, die Denkmäler für die Blockade befinden sich alle außerhalb der Stadt, das in Leningrad/Petersburg eines steht ist mir nicht bekannt. Ich habe dazu auch nichts im Web gefunden.
Die außerhalb stehenden Denkmäler entstanden zwischen 1964 und 1968 und erhielten den Namen Grüner Gürtel des Ruhmes.
Touristische Ausflüge in Leningrad führten in der Regel zu den bekannten historischen Stätten wie Winterpalais, Smolny, Eremitage etc. und in der Umgebung z.Bsp. zu den Residenzen von Katharina oder den Schlössern in Puschkin und der Sommerresidenz Zaren Peterhof am finnischen Meerbusen.
Ansonsten wandelte der Tourist beharrlich auf den Spuren von Lenin in und um Petersburg/Leningrad.

Alles klar, die Geschichte mit den vernichteten Lebensmittelvorräten hatte sich mir nur eingeprägt und wird auch immer wieder in Dokumentationen erwähnt. Das über die Blockadezeit in der UdSSR oder Leningrad (St.Petersburg) nicht gerne gesprochen wird ist für mich nachvollziehbar, die Entwicklungen im Jahr 1941 waren ja nun wirklich kein Ruhmesblatt für die UdSSR.
Es ist aber auch in anderen Ländern durchaus üblich, das den Touristen die "Sonnenseiten" gezeigt werden und eben nicht die negativen Seiten, das betrifft auch die Darstellung historischer Ereignisse.
Nachsatz - wenn auch nur OT, was mir auch in der Erinnerung ist, der Roman "SCHKID", die Republik der Strolche, in dem es um die Entwicklung von Jugendlichen in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg in St.Petersburg ging.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Beethoven » 28. Oktober 2024, 08:16

Natürlich war die Blockade von Leningraf aus heutiger und auch damaliger Sicht ein Verbrechen an den Leningradern.
Ob wir verwöhnten Deutschen das ausgehalten hätten, wage ich zu bezweifeln und keiner von uns möchte den Gegenbeweis dazu antreten.

Aus rein militärischer Sicht ist die Blockade einer Stadt (ich schrieb dazu ja schon mal einen Artikel, siehe http://neues-forum.info/forum/viewtopic.php?f=148&t=12896&p=354478&hilit=Stadt+blockieren#p354478 ), egal wie groß diese ist, ein völlig probates Mittel und wir kennen es schon aus der Zeit vor Christus und besonders aus dem Mittelalter. Jedem bekannt ist da wohl z.B. Troja. Im Mittelalter wurden wohl die meisten Burgen, die ja auch oft Städte in ihren Mauern hatten belagert ("belagert" ist ein anderes Wort für Blockieren).

Bei allen Gräuel die in Leningrad täglich geschah, hätte man die Stadt auch zur "offene Stadt" erklären können. Dann hätten Millionen Leningrader vermutlich überlebt. Aber das ging natürlich nicht, die Stadt der Wiege der Revolution den Faschisten zu überlassen.
"Offene Städte" dürfen nicht bombardiert und angegriffen werden. Das Militär hat sich bis auf "Ordnungskräfte" zurück zu ziehen.
Aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen, wäre das der bessere Weg gewesen, denke ich. Warum ( ? )erkläre ich aus meiner Sicht gerne, wenn das von Interesse sein sollte.

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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 28. Oktober 2024, 09:50

@Beethoven, deine Idee zum Beispiel Leningrad damals im Zweiten Weltkrieg zur offenen Stadt zu erklären ist zwar human gedacht aber leider zu kurz.

Leningrad hatte zum Beginn der Blokade eine Bevölkerung von rund 3,2 Mio Einwohnern. Am Ende der Blockade waren es rund 1 Mio.
Rund 60Tsd. Einwohner starben durch Bombardements und Artilleriebeschuss, rund 1 Mio. wurden in den Jahren 1942 und 1943 aus Leningrad evakuiert; über die "Strasse des Lebens" und zwischen 800 000 bis 1,2 Mio Menschen verhungerten. Letztere Zahl ist nur geschätzt da keinerlei Todeslisten existieren.

Die Strategie der Einschließung oder Umschließung oder Blockade der Stadt war von Anfang an das Ziel der Wehrmacht. Die Wehrmachtsführung hat im Vorfeld der Operation Barbarossa solche Szenarien diskutiert und sich letztendlich für das "Abschließen" entschieden wie die Blockade auch genannt wurde. Ebensolche Szenarien waren für andere Großstädte der SU geplant.
Für Kiew, Moskau und Donezk war es geplant, wurde aber nicht umgesetzt.
Die Wehrmacht hat ihren Vormarsch ganz bewußt am markierten Blockadering gestoppt und nicht weil sie von den heldenhaften Verteidigern von Leningrad am Eindringen in die Stadt gehindert wurde.
Ein ganz triviales Problem hatte die Entscheidung zur Blockade beeinflußt.
Wenn die Wehrmacht die Stadt erobert hätte dann wäre sie auch für die damaligen 3,2 Mio Einwohner verantwortlich gewesen. Sie hätte also die Verpflegung usw. der Menschen sicherstellen müssen. So wurden nach Berechnungen des Heeresamtes für Verpflegung täglich 7000 Tonnen Mehl benötigt um ein Beispiel zu nennen.
Da die Wehrmacht sich selbst aus den eroberten Landgebieten ernährte und die Überschüsse ins Reich abtransportierte blieb für die Leningrader nichts übrig.
Eine andere, kurz diskutierte Variante war das die Bevölkerung nach der Einnahme der Stadt in das russisch besetzte Gebiet umgesiedelt werden sollte. Auch dies Variante scheiterte an der großen Bindung von Truppen welche den Marsch der Bevölkerung bis zur russischen Kampflinie hätte überwachen müssen.
So zynisch es auch kling, die Blockade und das sich selbst überlassen der Bevölkerung war die Variante welche die wenigsten Kräfte der Wehrmacht band.
Denn es wurden, als der Blockading (fast)geschlossen war, Dies Nadelöhr über den Ladogasee war noch offen, einig Armeeverbände, wie eine Panzerarmee etc. an den mittleren Frontabschnitt verlegt um den Vorstoß auf Moskau zu forcieren.
Die Kriegsschwerpunkte lagen im Jahr 1941 und den Folgejahren eindeutig am mittleren und südlichen Abschnitt der Front mit der Eroberung der Schwarzerdegebiete in der Ukraine und Kubangebiet und die Ölquellen in Baku.
Der Norden wurde zum Nebenschauplatz des Krieges.
Auch die Armeeführung der SU riss sich nicht den Ar*** auf um Leningrad in den Jahren 1942/43 zu entsetzen. Sie baute die Strasse des Lebens aus, brachte darüber Nahrungsmittel und Rüstungsgüter in die Stadt und auf dem Rückweg wurden Einwohner evakuiert.

Der extreme Hunger welcher im Gedächtnis geblieben ist betraf die Zeit von Ende September 1941 bis April 1942. Dazu kam noch der extrem kalte Winter des Jahres 1941/41.
Danach entspannte sich die Lage in der Stadt etwas, die täglichen Lebensmittelrationen wurden angehoben, Wasser und Elektrizität funktionierten wieder, wenn auch nur Stundenweise und die Strassenbahnen fuhren auch wieder ab April/Mai 1942.

Ein weiterer, wichtiger Aspekt der Belagerung und des Aushungerns der Bevölkerung war die Vorgabe der NS Führung; besonders Hitler, das befohlen wurde nachdem die Bevölkerung verschwunden war die Stadt systematisch zu zerstören und dem Erdboden gleichzumachen.
Das gleich Schicksal war auch für Moskau geplant.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Gerd Böhmer » 28. Oktober 2024, 11:36

@ von Nostalgiker » 28. Oktober 2024, 09:50 Uhr

Sehr gut geschrieben, den in Deinem Beitrag gebrachten Kenntnisstand habe ich auch. Eine Ergänzung - in Nordeuropa hatte das faschistische Deutschland zwei Ziele, das waren die Erzbergwerke von Kiruna (Schlacht um Narvik), sowie die Zinnminen in Petsamo (Operationen um Petsamo und Kirkenes, bzw. dem Murmangebiet). Das begann schon mit dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40, der ja als Vorwand für das Eingreifen der deutschen Wehrmacht in Skandinavien dienen sollte.
Dein einleitender Satz hat auch etwas Wahres an sich, es gab ja im Weltkrieg 2 einige Beispiele dafür, das der Status einer offenen Stadt nicht beachtet wurde.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Ari@D187 » 28. Oktober 2024, 12:49

Gerd Böhmer hat geschrieben:[...]
Es ist aber auch in anderen Ländern durchaus üblich, das den Touristen die "Sonnenseiten" gezeigt werden und eben nicht die negativen Seiten, das betrifft auch die Darstellung historischer Ereignisse.
[...]

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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon pentium » 28. Oktober 2024, 17:36

Die Einschließung/Abschnürung der Stadt ist der Heeresgruppe Nord bereits Anfang Juli 1941 so angewiesen worden, vor der eigentlichen Realisierung.
Die Übergabe war abzulehnen.

Quelle: OKH/KTB Heeresgruppe Nord/KTB Ritter von Leeb (OB). ME erhalten die Befehle auch den Hinweis, Flucht aus der Stadt mit Waffengewalt abzuweisen. Die Stadt war dem Erdboden gleichzumachen.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 30. Oktober 2024, 08:07

Inzwischen habe ich mich in dem Buch "Das belagerte Leningrad 1941-1944" durch das Kompetenzgerangel der Wehrmachtsführung und der diversen Truppenführer an der Leningrader Front gearbeitet.
Es stehen mir die Haare zu Berge mit welchem Zynismus das Leben von Millionen Menschen geopfert wurde um unter anderem die Psyche des deutschen Soldaten nicht zu erschüttern.

Das war kein Krieg der Ehrenhaft und Ritterlich auf dem Schlachtfeld ausgefochten wurde, sondern es war ein brutaler Raub- und Vernichtungskrieg. Und (fast) alle haben mitgemacht von deutscher Seite.
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Re: Die Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg

Neuer Beitragvon Beethoven » 30. Oktober 2024, 08:54

Natürlich muss man, wenn man eine Stadt einnimmt, die Bevölkerung ernähren, die Infrastruktur am Laufen halten und vieles mehr. Und es kostet meistens hohe eigene Verluste.

Städte und andere urbane Punkte nimmt man ja eigentlich nur dann ein, wenn es notwendig ist oder aber der Ort / die Stadt sehr hohen politischen und / oder administrativen Wert besitzt. Eine Notwendigkeit besteht z.B. darin, dass entscheidende Verkehrswege oder entscheidende Industrieanlagen sich dort befinden, die für die eigene Kriegswirtschaft oder für die Fortsetzung der Kampfhandlungen wichtig sind.

Ansonsten ist jeder Kommandeur gut beraten, Ortschaften und Städte zu umgehen wenn das möglich ist, um eigene Kräfte zu schonen.
Wenn die Angriffswelle sich dann weiter bewegt und die Ortschaft im Rücken bleibt, ist sie wie Pfahl im Fleische, wenn noch Truppen des Gegners innerhalb der Ortschaft in der Lage sind, Schläge gegen den Gegner auszuführen.
Ein "sauberes" Hinterland ist lebensnotwendig. So kommt man nicht umhin, die Stadt / den Ort, dann später einzunehmen oder eben wie im Falle Leningrad, die Stadt zu blockieren. Die geographische Lage von Leningrad kam der Wehrmacht dabei entgegen.

Freundlichst
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