von Nostalgiker » 25. Oktober 2024, 09:29
Da man, so in meinen Erinnerungen von diesem Ereignis in der DDR recht wenig erfahren hatte, außer den heroisierenden Darstellungen offizieller sowjetischer und damit auch deutscher (DDR) Geschichtsschreibung, gab es so gut wie keine Informationen wie es damals wirklich war in dieser Stadt.
Genau 872 Tage, also rund 900, vom 8.09.1941 bis zum 27. 01 1944, war die Stadt faktisch von der Außenwelt abgeschnitten.
Schätzungsweise lebten zum Beginn der Blockade rund 2,5 Mio Einwohner in der Stadt von denen, ebenfalls geschätzt [verlässliche Zahlen gibt es nicht] 1,1 Mio Menschen starben. Der größte Teil davon verhungerte.
Nun hatte der damalige sowjetische Schriftsteller Daniil Granin die Idee über diese Thematik mit seinem Co-Autor Ales Adamowitsch dokumentarische Chronik der Leningrader Blockade zu verfassen.
Das entstandene Buch ist eine Dokumentation aus Augenzeugenberichten, Erinnerungen, Tagebüchern und Briefen. Erste Auszüge daraus erschien 1977, das Buch 1979. Außer in Leningrad selbst, dort war es bis 1984 verboten [siehe dazu den entsprechenden Eintrag bei Wiki]
In der DDR selbst erschien das Buch in zwei Bänden 1984 / 1987.
Ich habe selbst die Auflage von 1987.
Damals gekauft und bisher gescheut es zu lesen.
Inzwischen habe ich es gelesen und es ist erschütternd.
Es ist fast nicht vorstellbar wie die Menschen faktisch ohne Heizung und ohne Strom, jedenfalls die meiste Zeit den Winter 1941/42 überleben konnten bei Temperaturen zwischen Minus 30 und 40 Grad.
Da die deutsche Luftwaffe Anfang September erfolgreich die Lagerhäuser bombardierte in denen Lebensmittelreserven lagerten war auch die Versorgung der Bevölkerung mit selbigen Katastrophal; jedenfalls im Winter 41/42.
Die tägliche Ration Brot sank auf 250 Gramm für die arbeitende Bevölkerung, 125 Gramm bekamen Kinder oder nicht arbeitende.
Die einzige Versorgungslinie wurde über den zugefrorenen Lagoda See eingerichtet welche aber die täglich benötigte Menge an Lebensmitteln nicht heranschaffen konnte. Dazu kamen das diese Linie permanent von deutschen Jagdbombern angegriffen wurde.
Insgesamt braucht man wohl starke Nerven um diese zwei Bücher zu lesen um die Vielzahl der geschilderten Schicksale einigermaßen Schadlos zu überstehen.
Nun habe ich mich danach etwas umgetan und entdeckte dann das Buch :
Das belagerte Leningrad 1941-1944: Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern: Eine Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern
Da es ein wissenschaftliches Fachbuch ist hat es seinen Preis, trotzdem habe ich es bestellt und es kam bei mir Anfang der Woche an.
Da ich mit dem Buch noch nicht ganz durch bin hier die Rezenzion von Amazon:
Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht ist – was die Zahl der Opfer und die Permanenz des Schreckens betrifft – die größte Katastrophe, die eine Stadt im Zweiten Weltkrieg erlitt. Nahezu 900 Tage lang – vom 7. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – war die Metropole an der Newa eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten. Als Folge dieser Blockade starben rund eine Million Menschen, die weitaus meisten durch Hunger und Mangelkrankheiten. Zum ersten Mal in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs werden die deutsche und die sowjetische Perspektive in einem Buch vereint. Der Autor stellt die Belagerung in den Kontext der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und beschreibt auf der Grundlage neuer Dokumente aus russischen Archiven die Reaktionen von Stalins Regime auf die existentiellen Herausforderungen der Blockade. Neben den erstaunlichen Leistungen, zu denen die sowjetische Diktatur im Krieg imstande war, finden auch die Versäumnisse und Mißerfolge der Verteidiger Leningrads in dieser differenzierten und packenden Darstellung ihren Platz. Das Buch revidiert gängige deutsche und sowjetische Geschichtsbilder gleichermaßen. So weist der Autor nach, daß die deutsche Belagerungsstrategie nicht dem militärstrategischen Kalkül entsprang, die Stadt einzunehmen. Die Annahme einer Kapitulation wurde von Hitler vielmehr kategorisch ausgeschlossen, da er das Ziel verfolgte, Leningrad und seine Einwohner vollständig zu vernichten. Auf der anderen Seite bricht die Darstellung mit dem sowjetischen Heldenmythos, der bisher auch die westliche Sichtweise stark geprägt hat. Eine Untersuchung der Rüstungsproduktion in der belagerten Stadt verweist das Bild der waffenproduzierenden Frontstadt in das Reich der Fabeln. Die fortgesetzte Verfolgung der Leningrader Bevölkerung durch den sowjetischen Geheimdienst relativiert die gängige Vorstellung vom 'Großen Vaterländischen Krieg' als einer Atempause zwischen den Wellen des stalinistischen Terrors. Und eine ungeschminkte Schilderung des Blockadealltags rückt vom Mythos einer in der Not zusammenhaltenden Solidargemeinschaft ab. Das Buch erschöpft sich aber nicht im Aufbrechen eines dogmatischen Geschichtsbildes. Im Schlußkapitel erklärt der Autor, wie der Heldenkult um die Blockade Leningrads entstand und warum sich die sowjetischen Formen der Kriegserinnerung in Rußland bis heute kaum verändert haben.
Nachdem was ich bisher gelesen habe kann ich diesen Worten nur Zustimmen.
Der heroisierende Mythos der Offiziell über den Heldenmut der Bevölkerung und der sowjetischen Armee gelegt wurde wird durch Dokumente vielfältigster Art mehr oder minder Entmythisiert und in das Reich der Fabeln verwiesen.
Selbst 80 Jahre nach einem der größten Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ist die damalig sowjetisierte Sicht auf diese schrecklichen Ereignisse noch nicht völlig aus der Welt geräumt.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin
Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat. Janis Joplin
Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die immer bei anderen auf die Rechtschreibfehler hinweisen, eine Persönlichkeitsstörung haben und unzufrieden mit ihrem Leben sind. Netzfund