von andr.k » 18. November 2022, 14:28
Bahnchaos im Norden: Mehr als 1000 Regionalzüge ausgefallen
Verkehrsminister Madsen erhöht Druck auf DB Regio – Branche hegt bösen Verdacht
Kiel. In Schleswig-Holstein sind in den vergangenen Wochen weit mehr als 1000 Regionalzüge ausgefallen. Die DB Regio muss allerdings trotz der nicht erbrachten Leistungen keine großen Verluste fürchten, weil am Ende der Corona-Rettungsschirm und damit der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird.
„Es gibt keine finanziellen Nachteile für Verkehrsunternehmen, wenn Züge coronabedingt ausfallen“, bestätigt der Sprecher der Nahverkehrsgesellschaft Schleswig-Holstein, Dennis Fiedel. In der Verkehrsbranche wird daher erwartet, dass die DB Regio den Löwenanteil der Zugausfälle auf die Pandemie schiebt, zumal das niemand kontrollieren kann.
Auf Nachfrage hält sich die Bahn bedeckt. „Auch die DB ist weiterhin von kurzfristigen Krankheitsfällen, darunter auch Coronafälle, betroffen“, berichtet eine Sprecherin und preist eine laufende Personaloffensive. Wie groß das Bahnchaos ist, wollte sie nicht verraten.
Einer Erhebung für Schleswig-Holstein zufolge sind Zugausfälle seit Wochen Alltag. Allein in der zweiten Novemberwoche – vom 7.11. bis 13.11. – gab es im Netz Nord (unter anderem Kiel – Flensburg und Kiel – Husum) 237 Ausfälle, im Netz Ost (Kiel – Lübeck und Lübeck – Hamburg) sogar 441 Ausfälle. Auch in der aktuellen Woche fahren nicht alle Züge.
Landesverkehrsminister Claus Ruhe Madsen (parteilos) erhöht derweil den Druck auf die DB Regio: „Die vielen Zugausfälle sind für Tausende von Pendlern und natürlich auch für die Landesregierung äußerst ärgerlich und unbefriedigend.“ Die Bahn müsse jetzt alle Mittel ausschöpfen, um die Lage zu verbessern.
Konkret fordert der parteilose Minister, den Schienen-Ersatzverkehr kundenfreundlich zu organisieren und etwa auf die Schulanfangszeiten abzustimmen. DB Regio sollte zudem beim Ausfall von Regionalbahnen mindestens die Regional-Expresszüge mit einem zusätzlichen Triebwagen verstärken.
„Außerdem ist die Kommunikation der DB Regio schlecht“, beklagt Madsen. So sei wartenden Kunden am Bahnhof per Lautsprecherdurchsage nur die ausfallende fünfstellige Zugnummer mitgeteilt worden.
Unterdessen gibt es in der Verkehrsbranche den bösen Verdacht, dass die DB Regio Schleswig-Holstein bewusst vernachlässigt. Hintergrund: Die DB-Tochter hat die Ausschreibung der Netze Nord und Ost verloren und muss die Stecken zum Fahrplanwechsels im Dezember abgeben. Im Norden kommt die Nordbahn zum Zug, im Südosten die Erixx Holstein GmbH (Osthannoversche Eisenbahn – OHE).
Weder die DB noch Minister Madsen oder NahSH wollten sich zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Netzverlusten und Zugausfällen äußern.
Klar ist, dass die Streckenverluste die DB Regio schmerzen. Sie war gegen die Niederlage vergeblich bis vor das Oberlandesgericht Schleswig gezogen.
Quelle: Kieler Nachrichten/ Ostholsteiner Zeitung vom 18.11.2022, Seite 1/2
Die DB Regio kann sich derzeit offenbar Alles erlauben. Die DB-Tochter hat in den vergangenen Wochen erstens mehr als 1000 Züge in Schleswig-Holstein storniert, muss zweitens trotz des klaren Bruchs des Verkehrsvertrages keine harten finanziellen Konsequenzen fürchten und kann drittens künftig kaum von der Ausschreibung von Bahnstrecken ausgeschlossen werden. Das ist gelinde gesagt ein dreifacher Skandal.
Aber der Reihe nach: Corona hat erstens schonungslos offenbart, dass die DB-Regio personell auf dem letzten Zahn fährt. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren zu wenige Lokführer und Zugbegleiter ausgebildet. Die Folgen dieser Fehlplanung trägt zweitens der Steuerzahler. Verantwortlich dafür ist ein gut gemeinter Corona-Rettungsschirm. Er sollte den ÖPNV retten und schützt nun aufgrund eines Webfehlers ein schlecht gemanagtes Bahnunternehmen. Als ob das noch nicht reicht, drohen der DB Regio drittens auch bei neuen Ausschreibungen keine Sanktionen. Nach dem EU-Wettbewerbsrecht spielt es nämlich bei der Vergabe kaum eine Rolle, wie zuverlässig ein Unternehmen ist oder nicht.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass die DB Regio trotz des von ihr mit angerichteten Bahnchaos ungeschoren davonkommt. Ein Trost aber bleibt frustrierten Pendlern: Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember übernehmen andere Betreiber zahlreiche Bahnstrecken. So bleibt die Hoffnung, dass Einiges besser wird. Rosig werden die Zeiten allerdings schon deshalb nicht, weil die Bahn-Infrastruktur in Schleswig-Holstein marode ist und den Fahrplan fast täglich zur Makulatur macht. So sorgten zum Beispiel am Donnerstag ein Defekt an einem Bahnübergang bei Bargteheide sowie eine Signalstörung bei Neumünster für einige Zugverspätungen.
Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt.