Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

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Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

Beitragvon Interessierter » 27. November 2017, 12:16

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Trampen in der DDR: Andreas Jeskolski mit seiner gelben Tramper-Karte der Staatlichen Versicherung der DDR Foto: Thomas Stridde

Jena. Andreas Jeskolski zwirbelt abschließend wieder das Gummiband um seine Taschenkalenderbücher der Jahrgänge 1978 bis 1987. „Und das kriegen die, wenn ich mal nicht mehr bin“, sagt er heiter-melancholisch, indem er kurz mit dem kleinen Stapel in der Luft wedelt, als wäre es ein Packen Banknoten. „Die“ – das ist das „Thüringer Archiv für Zeitgeschichte ‚Matthias Domaschk‘“ (ThürAZ), das am Sonnabend die Pforten am Camsdorfer Ufer 17 geöffnet hielt, um aus seinem Dokumenten-Bestand zu Opposition und Widerstand in der DDR ein besonderes Destillat hervorzuheben: „Trampen in der DDR“ als Ausdruck des freiheitlichen Lebensdranges der ostdeutschen Jugend.

Mit Fotos aus seiner Tramper-Ära und Dokumenten wie der legendären gelben Tramper-Versicherungskarte hat der 54-jährige Jeskolski dem ThürAZ Material hinterlassen, das am Sonnabend in einer Extra-Vitrine zu beäugen war. Und natürlich konnte der Pößnecker anhand seiner Taschenkalender eine Menge Anekdoten erzählen, die sich dank Daumen im Wind ergaben. 1978 habe er mit dem Trampen begonnen. Dazu immer die Einträge ins Kalenderbüchlein: „mit wem und wohin“.

Der Tag einst in Budapest ist zum Beispiel mit diesen Stichworten verewigt: „Punkrockfilm gesehen“, „Tausende Platten durchstöbert“, „abends Wein“. Oder die schier unzähligen Touren, um in den Thüringer Tanzsälen die einheimischen Rock-Kapellen zu erleben. „‘Bumerang‘ in Neustadt/Orla“, „‘Gipsy‘ in Saalfeld“.

Ungarn, Tschechei, Slowakei – das seien seine größten Touren gewesen. „Und weil es so etwas wie Handys damals ja nicht gab: Ich hab dann vorher zu meiner Mutter gesagt, dass alles in Ordnung ist, wenn sie vier Wochen nix von mir hört.“ Oh, ja, da sei vieles unvergesslich, etwa die Tour 1981 nach Budapest, wo er die Gruppe „Kraftwerk“ im Konzert erlebte und im Kino einen AC/DC-Musikfilm in Englisch mit ungarischen Untertiteln sah.

Dass seine Tramper-Zeit auch in Stasi-Akten verewigt wurde, findet Andreas Jeskolski bis heute „lächerlich“, wie er sagt. „Die hatten wohl nix anderes zu tun!?“ In dem Spitzel-Eintrag vom November 1984 fand Jeskolski nach der Wende die Anmerkung, er sei der Jungen Gemeinde Pößneck zugehörig und für sie als „Werber“ tätig. „So hab ich mich in der JG nie selbst gesehen.“

Aber das reimte sich für den Spitzel offenbar gut damit, dass der junge Reichsbahn-Elektromonteur auch als „überörtlicher Tramper“ unterwegs war, um „Rockgruppen“ zu erleben. Na, immerhin sei also 1984 nicht mehr die alte Agit-Prop-Formulierung „amerikanische Beatmusik“, sondern eben einfach der Begriff „Rockmusik“ verwendet worden. „Aber das war totaler Quatsch. Wir waren nicht die Keimzelle der Revolution. Wir wollten Party machen, Mädchen haben – was weiß ich“, sagt Jeskolski, der gleichwohl alles andere als systemkonform war. Zum Beispiel feierte er nicht die Jugendweihe und verweigerte die Waffe, weshalb er erst knapp 27-jährig zum Grundwehrdienst als Bausoldat eingezogen wurde. Seinen Freunden und ihm sei aber immer „klar gewesen, dass da jemand von der Stasi da ist“. Gesellten sich unsichere Kantonisten in Gesprächsrunden, „haben wir aus dem Nichts über blaue und grüne Badeseife gesprochen“.

Beim Trampen: Jeskolski sagt in der Rückschau, er sei von „Leuten aller Schichten und Ausprägungen mitgenommen worden“. Die gelbe Tramper-Versicherungskarte – Kosten: 6 DDR-Mark pro Jahr – sei stets sehr hilfreich und vielen Mitnehmern wichtig gewesen. „Ich würde sagen, 30 Prozent wussten das.“

Und ist er gelegentlich auch gar nicht mitgenommen worden? Gewiss habe es zähe Phasen gegeben, sagte Andreas Jeskolski. Er erinnere sich an eine Tour von der Hohen Tatra bis nach Zinnwald. „Nur noch 20 Kronen in der Tasche, paar trockne Semmeln dabei, dann drei Tage unterwegs. Aber überhaupt nicht mitgenommen – nee, das ist nicht passiert.“ Und klar: das eigene Mädel an der Straße und er selbst im Straßengraben, „das war ja auch noch so ein Trick“.

http://jena.tlz.de/web/jena/startseite/ ... 1338889407

Beim Lesen dieses Beitrages aus dem Jahr 2016 stellt sich mir die Frage, welche Risiken die gelbe " Versicherungs - Tramperkarte " denn abgedeckt hat und wie hoch der Beitrag, für welchen Zeitraum war?
Interessierter
 

Re: Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

Beitragvon Volker Zottmann » 27. November 2017, 15:53

Kann die Frage jemand beantworten?
Ich habe von einer gelben Tramper-Versicherungskarte auch noch nie gehört, trotz dass ich Leute kenne, die damals auch bis Ungarn rein sind.

Gruß Volker
Volker Zottmann
 

Re: Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

Beitragvon karnak » 27. November 2017, 16:03

Kann mir auch nur schwer vorstellen, dass es sowas gab, widerspricht ja auch der These, dass man Trsmper nicht mochte und wollte, gab ja auch keine Versicherung für ungenehmigte Demonstranten. [flash] Als DDR PKW -Fahrer war man angehalten eine Insassenversicherung abzuschließen, dass tat man wenn man Fremde mitnehmen wollte. Damit war man abgesichert, wenn man denen Schaden zufügte.
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Re: Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

Beitragvon Volker Zottmann » 27. November 2017, 16:15

Diese Insassenversicherung gab es, dennnoch war sie unsinnig. Egal wer mitfuhr, er war durch die Fahrzeughaftpflicht, so wie heute auch, voll versichert.

Gruß Volker
Volker Zottmann
 

Re: Stasi traute Leuten nicht, die Daumen in den Wind hielten

Beitragvon karnak » 27. November 2017, 16:22

Kann sein, hab ich vergessen.
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