Die Identitätsfrage mal aus russischer Sichtweise
Identitätsfrage: Russische Nation sucht den gemeinsamen Nenner
Zitat:
Aus der neosowjetischen Sicht der Kommunisten ist das heutige Russland eine Art „Sowjetunion ohne Ideologie“, die wiederhergestellt werden muss.
Die meisten Russen betrachten ihr Land als multinationaler Staat in den aktuellen Grenzen und als Rechtsnachfolger des Russischen Reiches und der Sowjetunion. Diese These vertritt auch Präsident Wladimir Putin und die Partei Geeintes Russland. Forderungen nach einer territorialen Expansion werden nicht gestellt, aber die Grenzen des heutigen Staatsgebietes, inklusive der nicht-russischen Regionen, gelten als unantastbar. Russland hat nach wie vor Interessen in den postsowjetischen Republiken. Dort leben immer noch viele ethnische Russen, deren Rechte geschützt werden müssen.
Die dritte Gruppe findet, dass Russland ein Staat der Russen ist, dessen tragisches vorsowjetisches und sowjetisches Kapitel der Geschichte geschlossen werden sollte. Am besten sollten die von ethnischen Russen bewohnten Territorien angeschlossen werden, darunter die Krim, Nordkasachstan usw. Gleichzeitig sind diese Menschen der Ansicht, dass einige Regionen, vor allem der Nordkaukasus, besonders Tschetschenien, die Russische Föderation als unabhängige Staaten verlassen sollten.
Bei der Identitätsfrage kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen Russen und Migranten aus den zentralasiatischen und nordkaukasischen Teilrepubliken. Die nationalistische bzw. extremistische Stimmung unter den Russen nimmt zu.
Der territoriale Aspekt der russischen Identität. Die historische Besonderheit Russlands als größter Flächenstaat der Welt ist seit jeher ein wichtiger Grund für den Stolz der Russen. Gebietsverluste empfinden die Russen als schmerzhaft. Der Zerfall der Sowjetunion war ein traumatischer Erlebnis für die Russen und ihr Selbstbewusstsein. Der Krieg in Tschetschenien zeigte, dass Russland alles daran setzen wird, um Abspaltungen zu verhindern. Die Wiederherstellung der Kontrolle über diese Teilrepublik bildete das Fundament der beispiellosen Unterstützung des Präsidenten Putin durch das Volk in den frühen 2000er-Jahren. Die absolute Mehrheit der Bevölkerung hält die Bewahrung der territorialen Einheit Russlands für das wichtigste Element der russischen Identität, für das wichtigste Prinzip, nach dem sich der Staat richten sollte.
Der religiöse Aspekt. Mehr als 80 Prozent der Russen bezeichnen sich als orthodox, während die Russisch-Orthodoxe Kirche fast schon als Staat im Staate angesehen wird und wichtige Bereiche der Politik beeinflusst. Offensichtlich ist die russische Art des slawischen Ideals das Zusammenwirken zwischen der säkularen und der religiösen Macht, zwischen dem Hohepriester und dem Imperator. Dennoch wirkt die Wiederbelebung des Glaubens nur oberflächlich und rituell. Das Ansehen der Kirche in der russischen Gesellschaft war in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr so hoch wie früher. Die Liberalen in Russland sind mittlerweile in eine offene Opposition zur Kirche übergegangen. Das orthodoxe Element der russischen Identität trägt kaum zur Wiederbelebung der Gesellschaft bei, in der Respektlosigkeit vor dem Gesetz, allgemeine Wut, Widerwillen gegen einfache Arbeit, nachlassende Moral und fehlendes Miteinander und Solidarität vorherrschen.
Der ideologische Aspekt. Seit dem Mittelalter äußerte sich das russische Nationalbewusstsein darin, dass man sich vom Westen abgrenzte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion fühlten sich die Russen anfänglich auf verlorenem Posten, weil ihr Wertesystem durcheinander geraten war. Dieser Minderwertigkeitskomplex war eine schwere Bürde. Die Russen verloren ihn, als der oligarchische Kapitalismus und die Nato-Intervention in Ex-Jugoslawien ihre Illusionen über die „schöne neue Welt“ des Marktes und der Demokratie zerstörten. Nach Putins Einzug in den Kreml beschleunigte sich die Suche nach einem alternativen Entwicklungsmodell und anderen Werten. Es wurde verkündet, dass Russland „sich von den Knien erhebt“ und „eine Energie-Supermacht“ sei. Zu dieser Zeit wurde die Konzeption der „souveränen Demokratie“ formuliert, der zufolge Russland ein demokratischer Staat, allerdings mit seiner eigenen nationalen Spezifik ist, weshalb Ratschläge fehl am Platz seien, wie die Demokratie in Russland auszusehen habe.
Die Mehrheit der Russen sind überzeugt, dass ihr Land keine „natürlichen“ Verbündeten hat, so dass Russland als Teil der europäischen Zivilisation nicht automatisch bedeutet, dass sein Schicksal mit Westeuropa und Amerika verknüpft ist. Jüngere Russen sind durchaus positiv gegenüber der EU eingestellt und würden den Anschluss ihres Landes begrüßen. Sie befinden sich allerdings in der Unterzahl. Die meisten wollen hingegen einen demokratischen Staat auf russische Art aufbauen, ohne jegliche Hilfe bzw. Ratschläge vom Westen zu bekommen....]
http://de.ria.ru/opinion/20130715/266487506.htmlmfg
pentium