Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse (2025)
Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann
Auch in seinem neuen und zugleich letzten Film Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße zeigt Becker, der kurz nach Ende der Dreharbeiten verstarb, einen Protagonisten, der sich in einer Lüge verstrickt. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Constantin Lieb adaptierte er den 2022 veröffentlichten gleichnamigen Roman von Maxim Leo um einen Berliner Videothekenbesitzer in Geldnöten, der plötzlich zu Unrecht als couragierter Freiheitsaktivist gefeiert wird.
Micha Hartung (Charly Hübner) ist ein ziemlich phlegmatischer Typ. Sein Kiezladen steckt in der finanziellen Krise, da das Ausleihen physischer Medien im Jahr 2019 leider ziemlich aus der Mode gekommen ist. Bereits hier demonstriert Becker sein feines Gespür für Figurenzeichnung und Ausstattung: Zwischen Max-Schreck- und Louis-de-Funès-Plakaten und einem Pappaufsteller von Sophie Marceau aus der weithin vergessenen Romantikkomödie Die Studentin (1988) hat sich der Filmliebhaber Micha seinen persönlichen Traum erfüllt, den kaum noch jemand mit ihm träumen will. The Last Tycoon heißt seine Videothek – wie das letzte Werk des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, das Mitte der 1970er Jahre ebenfalls als altmodisch galt und deshalb zum Flop wurde.
Michas Frau hat ihn und seine inzwischen erwachsene Tochter Natalie (Leonie Benesch) wenige Tage nach dem Mauerfall verlassen. Seither lebt er in den Tag hinein und ignoriert die Mahn- und Vollstreckungsbescheide, die per Post eintreffen. Als der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) auftaucht, um mit ihm über ein Ereignis aus dem Sommer 1984 zu sprechen, lässt sich Micha zu einer Lüge hinreißen. Auf der Suche nach einer großen Story hat Alexander durch Einblick in Stasi-Akten herausgefunden, dass Micha als damaliger stellvertretender Stellwerksmeister bei der Reichsbahn in die Ermöglichung der spektakulärsten Massenflucht der DDR-Historie verwickelt war – durch eine Ostberliner S-Bahn, die dank einer verstellten Weiche in den Westen fuhr.
Dass er keineswegs der heldenhafte Strippenzieher war, zu dem Alexander ihn stilisieren will, verschweigt Micha, da der Reporter ihm Geld anbietet, das er gerade dringend benötigt. Kurze Zeit später ist er jedoch auf der Titelseite eines einflussreichen Nachrichtenmagazins – und schon bald als Gast in Talkshows (zusammen mit Katarina Witt!) und zum Essen beim Bundespräsidenten (Bernhard Schütz) eingeladen. Zudem soll er eine Rede beim Festakt im Bundestag zum 30. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung halten. Alles läuft überraschend gut für Micha. Mit Paula (Christiane Paul), die einst in jener S-Bahn saß, tritt sogar eine neue Frau in sein Leben. Der Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten), der Zweifel an der ganzen Sache hegt, scheint ihm allerdings auf die Schliche zu kommen.
Mit viel Ironie widmet sich der Stoff der jüngeren deutschen Erinnerungskultur. Wie funktioniert Geschichtsschreibung? Was sind wir bereit zu glauben? Und brauchen wir unbedingt Personen, die wir idealisieren und auf ein Podest stellen können – unabhängig davon, ob sie es wirklich verdient haben? Wenn Alexanders Chefredakteur (Arnd Klawitter) Micha zum „ostdeutschen Oskar Schindler“ erklärt, treibt der Film gekonnt satirisch auf die Spitze, wie formelhaft und inkorrekt wir die Vergangenheit zu verarbeiten versuchen – ohne Differenzierungen und stets auf der Suche nach dramatischen Mustern. Micha erhält lukrative Werbedeals; alsbald soll seine Biografie als Serie fiktionalisiert werden – mit dem prätentiösen Method Actor Alex Allonge (herrlich: Daniel Brühl) in der Hauptrolle.
Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße steckt voller Witz und fiesen Spitzen gegen die Gesellschaft und den Kulturbetrieb. Dank Charly Hübner, der dem Anti-Helden etwas zutiefst Charmantes verleiht, und dem Nebencast um Christiane Paul, Leonie Benesch und Eva Löbau ist zugleich ein sehr empathischer Film entstanden – und ein würdiges Vermächtnis eines bedeutenden Regisseurs.
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