Popbiografie von Xavier Naidoo - Politisch defektRTL zeigt sich "irritiert" über den rassistischen Ausfall von "DSDS"-Juror Xavier Naidoo. Das irritiert. Rechte Rhetorik gehört zum Programm des Sängers, für den das meiste "politisch korrekt" ist, was ihm nicht passt.
Die von Naidoo im Clip angesprochene "politische Korrektheit" ist ein Ausdruck, der gern von Rechten gebraucht wird, um eine angebliche Sprachzensur anzuprangern. Die Zeile mit dem "Gast" und dem "Gastgeber" lässt sich kaum anders deuten, als dass er hiermit Geflüchtete meint, die "fast jeden Tag" Deutsche ermordeten. Eine Behauptung, die falsch ist und die vor Naidoo AfD-Politiker oder der Täter von Hanau in ähnlicher Form kundtaten.
1999, kurz nach seinem Durchbruch, sagte Naidoo dem "Musikexpress", er sei ein "Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe". In den folgenden Jahren fiel Naidoo immer weniger durch seinen Gesang auf, immer mehr aber als gut hörbare Stimme, die Verschwörungstheorien über 9/11 verbreitete, darüber
"dass al-Qaida nur die CIA ist". Und die Zeilen sang wie
"Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?", die man mühelos als homophob lesen konnte, oder die recht schlicht und recht klar klang wie im Song "Abgrund":
"Und jetzt scheiß' ich auf eure Demokratie."2009 spielte Naidoo im Song "Raus aus dem Reichtstag" mit einer Zeile über "Baron Totschild", der den Ton angebe, auf eine angebliche jüdische Weltverschwörung an. Vor diesem Kontext kann man auch die "Puppenspieler" deuten, von denen Naidoo im Refrain von "Marionetten" singt, einem 2017 veröffentlichten Song der von ihm mitgegründeten Gruppe Söhne Mannheims. Eine Mitarbeiterin der "Amadeu Antonio Stiftung" nannte Naidoo im selben Jahr bei einer Veranstaltung einen Antisemiten, das sei "strukturell nachweisbar".
Was Naidoo seit Jahren im Namen der Popkultur macht, erinnert an das, was die AfD in jüngerer Vergangenheit auf der politischen Bühne vorführt.2011 sagte Naidoo, Deutschland sei "immer noch ein besetztes Land". Drei Jahre später, am Tag der Deutschen Einheit, suchte er ein Treffen der Reichsbürger-Bewegung auf, käute dort Verschwörungstheorien wieder. Darauf angesprochen, verwies Naidoo auf sein Engagement gegen rechts, als Teil des antirassistischen Vereins Brothers Keepers etwa, darauf, dass er dafür Morddrohungen bekomme, sagte aber auch Sätze wie: "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu Reichsbürgern. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst."
Rechte Rhetorik, antisemitische CodesWie schafft man es eigentlich, sich als prominente Figur in Zeiten knapper Aufmerksamkeit und eines gesunkenen Vertrauens in Eliten ins Gespräch zu bringen, im Gespräch zu bleiben und möglichst viele, unterschiedliche Öffentlichkeiten zu adressieren?
Zum Beispiel mit einem Wechselspiel zwischen der Rolle des Verfechters einer angeblich unterdrückten Wahrheit und der Rolle des angeblichen Unschuldslamms.
Mal Held, mal Opfer. Zum Beispiel mit einem Remix des Satzes "Ich bin kein Rassist, aber…": Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Aber ich bin kein Rassist. Ihr habt mich missverstanden. Aber das, was ich gesagt habe, da ist doch ein bisschen was dran. Aber ich bin kein Rassist.Was Naidoo seit Jahren im Namen der Popkultur macht, erinnert an das, was die AfD in jüngerer Vergangenheit auf der politischen Bühne vorführt. Es ist ein Schauspiel, das zwischen Grenzüberschreitungen und Dementi oszilliert, das so zum einen verschiedene Bevölkerungsgruppen anspricht und zum anderen vermeintlich Unsagbares nach und nach salonfähig macht - im Fall von Naidoo vermeintlich Unsingbares: Im Söhne-Mannheims-Song "Marionetten" benutzt er, distanzlos, das Wort "Volksverräter".
In der nationalsozialistischen Diktatur war "Volksverrat" ein Straftatbestand, vor ein paar Jahren skandierten Pegida-Anhänger "Volksverräter" bei Demos, gewandt an die Regierenden, AfD-Politiker nahmen den Begriff auf.
Der Clip, der seit Mittwoch seine Runden im Netz dreht, unterstreicht, dass Naidoo Rechtspopulisten nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt nahesteht.Seit dem Wochenende kursiert ein neuer Clip. In dem Video legt ein Mann - mutmaßlich Xavier Naidoo - nahe, dass "Fridays for Future" vom Antichrist gesteuert werde. Das passt ins Bild des Sängers. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um Naidoo. Und auch nicht darum, was man noch wird sagen dürfen.Es geht darum, was gesagt und gesungen wird. Und es geht darum, wie sich die deutsche Musikindustrie, Radio- und Fernsehsender, Veranstalter, Prominente, Politiker, Journalisten und Fans nun, nach dem "Gast"-und-"Gastgeber"-Clip, zu einem Sänger verhalten, der Millionen Platten verkauft hat, sich scheinheilig gibt, aber dessen Zeilen auch Hass predigen.
https://www.spiegel.de/kultur/musik/xav ... ddfb63c547