Stefan Heym zum 10. Todestag

Kurz und Knapp, eben alles zum Thema Kultur

Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon augenzeuge » 16. Dezember 2011, 17:26

Das Neue Deutschland gehört nicht zu meinen bevorzugten Informationsquellen. In diesem Fall finde ich den Artikel aber gut und korrekt, deshalb verweise ich auf ihn gern.

Stefan Heym fand ich immer gut, er fand auch damals schon die richtigen Worte, kurz vor dem Mauerfall. Das was er sagte, konnte man erleben!

„Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all' den Jahren der Stagnation – der geistigen, wirtschaftlichen, politischen; – den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. […] Einer schrieb mir – und der Mann hat recht: Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen!“
– Stefan Heym auf der Demonstration am 4. November 1989.

Fast niemand weiß, das er amerikanischer Staatsbürger war, als er als US-Soldat Deutschland befreite. Ganz sicher hätte er ein besseres Leben in den USA führen können, aber für das Bequeme war er noch nie. Allerdings wurde auch seine Illusion von einem ehrlichen Sozialismus in der DDR zerstört.

Ich bedaure, dass es heute so wenige Menschen seiner Art in der Politik gibt.
http://www.neues-deutschland.de/artikel ... hwieg.html
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon Danny_1000 » 16. Dezember 2011, 19:03

Ein großartiger, deutscher Schriftsteller mit Mut, Zivilcourage und einer Wortgewandtheit, die seinesgleichen sucht.

Seine fundamentale DDR- Kritik zielte ja nicht auf eine Anschaffung dieses Staates sondern auf eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft. Dass das die Machthaber der DDR, welche ihm das Leben mehr als schwer machten, nicht begreifen wollten (oder konnten), ist einfach nur tragisch.
Seinen politischen Widersachern begegnete Heym niemals feindselig oder herabwürdigend sondern – und das faszinierte mich an ihm – meist mit wohlwollendem Spott und einer gewissen Ironie.

Aber auch in der vereinten Bundesrepublik war Heym den Mächtigen unbequem. Ich erinnere mich noch gut, wie dümmlich und kleinkariert Kohl und seine Gesinnungsgetreuen dem Stefan Heym 1994 die Ehrung als Alterspräsident des Deutschen Bundestages versagten.

Dank dir AZ, dass du an ihn erinnerst.

Gruß
Daniel
Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben
dafür einsetzen, dass du es sagen darfst !
(Evelyn Beatrice Hall 1868; † nach 1939)
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon Edelknabe » 18. Dezember 2011, 10:11

Text aus dem BI Schriftstellerlexikon der DDR/ Autoren aus aller Welt7VEB Bibliogrphisches Institut Leipzig 1.Auflage 1988

Heym , Stephan, geb.10.4.1913 Chemnitz (Karl-Marx-Stadt); Erzähler aus der DDR. Emigrierte 1933 in die CSR, 1935 in die USA; kehrte 1945 als Offizier der US-Armee nach Deutschland zurück; lebt seit 1952 in Berlin. H., der sich auch als streitbarer Publizist einen Namen machte (Offen gesagt. Schriften zum Tage 1957), wurde berühmt mit dem antifaschistischen Kriegsroman The Crusadors (1948,dt. Fassg. u.d.T. Kreuzfahrer von heute,1950), der in einer weitgefächerten, packenden Handlung die Widersprüche und imperialistischen Hintergründe der amerikan. Kriegsführung gegen den Faschismus entlarvt. Zeitgeschichtlich aktuelle Themen griff H. auch mit dem Roman The Eyes of Reason (1951, dt. Fassg. u.d.T. Die Augen der Vernunft,1945) und Goldsborough (1953, dt.1945) sowie dem Erzählungsband Licht und Schatten (1960) auf.
In der Gestaltung von historischen Stoffen (Lassalle,R., 1969; Die Schmähschrift oder Königin gegen Defoe, E.,1970; Der König David Bericht, R., 1972) manifestierte sich sein leidenschaftliches Engagement für Demokratie und Menschlichkeit ebenso wie in den zeitgeschichtl. Romanen Collin (1979) und Schwarzenberg (1984). V.G./ W.L.

Weitere Werke: Hostages (R., 1942, dt. Der Fall Glasenapp, 1958); The Lenz Papers (R., 1960, dt., Die Papiere des Andeas Lenz,1963); Fünf Tage im Juni( R.,1974); Ahasver(R., 1981); Reden an den Feind (Texte aus den Jahren 1944/45, 1986).

Bücher von Ihm habe ich nicht gelesen, warum auch immer, keine Ahnung mehr. Der Mann ist mir irgendwie in Erinnerung als kleiner listiger Zwerg der da durch den Bundestag einmal ans Rednerpult schlich. Alle lächelten so auf Ihn herab. Ich denke mir, er lächelte so im Stillen über Sie.

Rainer-Maria
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon augenzeuge » 7. April 2013, 13:16

Er hieß eigentlich Helmut Flieg.....später Stefan Heym. Er war einer, der sich einmischte. Immer politisch, streitbar, unbequem und sich selbst treu. In der DDR zählte Heym zu den populärsten und wichtigsten Schriftstellern - hoch dekoriert und gefürchtet vom SED-Regime zugleich.

http://www.t-online.de/regionales/id_62 ... rkopf.html

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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon Icke46 » 15. April 2013, 23:38

Habe durch Zufall im Nachtprogramm des MDR die Wiederholung von Artour - dem Kulturmagazin, gesehen und festgestellt,
dass sie in der Sendung vom 11.04.13 scheinbar eine ganze Reihe von Themen unseres Forums abarbeiten - ich stelle mal die
Links zu der Mediathek ein - wobei man natürlich nicht weiss, wie lange sie abrufbar sind. Hier nun der erste zu Stefab Heym:

http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a ... 15b49.html

Gruss

icke

PS: Sehe grad, man muss in dem Link die Sendung vom 11.04. auswählen und dann rechts den entsprechenden Beitrag
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon vs1400 » 15. April 2013, 23:57

icke46 hat geschrieben:Habe durch Zufall im Nachtprogramm des MDR die Wiederholung von Artour - dem Kulturmagazin, gesehen und festgestellt,
dass sie in der Sendung vom 11.04.13 scheinbar eine ganze Reihe von Themen unseres Forums abarbeiten - ich stelle mal die
Links zu der Mediathek ein - wobei man natürlich nicht weiss, wie lange sie abrufbar sind. Hier nun der erste zu Stefab Heym:

http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a ... 15b49.html

Gruss

icke

PS: Sehe grad, man muss in dem Link die Sendung vom 11.04. auswählen und dann rechts den entsprechenden Beitrag


hi icke,
ich sollte wohl eher moin sagen. [grin]
egal, verlangst du diesbezüglich nicht etwas zu viel. [wink]

gruß vs [hallo]
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon Icke46 » 16. April 2013, 00:00

Inwiefern [wink] ?

Sendung auswählen und dann rechts aus der Liste "Porträt eines Jahrhundertautors" [wink] .

Oder was meinst Du;-)?

Gruss

icke
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon vs1400 » 16. April 2013, 00:06

icke46 hat geschrieben:Inwiefern [wink] ?

Sendung auswählen und dann rechts aus der Liste "Porträt eines Jahrhundertautors" [wink] .

Oder was meinst Du;-)?

Gruss

icke


hi icke,
wenn du damit die aufmerksamkeit einiger meinst. ...
viele werden es wohl nicht beachten. [wink]

gruß vs ... da ist der "weg" zu lang. [hallo]
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon Icke46 » 16. April 2013, 00:11

Das fände ich allerdings traurig - für mich ist Stefan Heym einer der grössten Autoren des 20. Jahrhunderts. Sehr beeindruckend war für
mich seine Autobiografie "Nachruf" - fast 1000 Seiten - aber jede hat sich gelohnt.

Gruss

icke
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon vs1400 » 16. April 2013, 00:37

icke46 hat geschrieben:Das fände ich allerdings traurig - für mich ist Stefan Heym einer der grössten Autoren des 20. Jahrhunderts. Sehr beeindruckend war für
mich seine Autobiografie "Nachruf" - fast 1000 Seiten - aber jede hat sich gelohnt.

Gruss


icke


seine biografie hab ich noch nicht gelesen, ist jedoch nen guter tipp.

ich erlebte ihn eher in meiner vergangenheit und da hatte er was.
heym wurde getuschelt und sein name fiel nur im engem kreis.
als die wende kam und seine rede ... ganz offen, ich war damals sehr enttäuscht von ihm.
er war nicht meine generation und es braucht zeit, um diese ddr zu verstehen.
hab seine worte einfach nicht verstanden,erstmal, weil ich ihn nie so hörte und nie vorher von ihm so lesen durfte.

gruß vs [hallo]
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon zonenhasser » 16. April 2013, 11:38

Heym war besonders eitel. Ich nehme ihm übel, daß er sich für die PDS in den Bundestag wählen ließ. Offiziell hieß es, er sei zurückgetreten, weil er mit einer Diätenerhöhung nicht einverstanden gewesen sei. Der wahre Grund war aber, daß die PDS in ihre Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED lieber den IM Kutzmutz entsandte, obwohl Heym offiziell im Bundestag darum gebeten hatte, sich daran beteiligen zu dürfen - Rainer EPPELMANN im FOCUS 31/95.

Die Abgehobenheit des Linksintellektuellen, der sowohl Reisefreiheit genoß als auch durch seine Veröffentlichungen im Westen über Devisen verfügte (was zu einem Prozeß wegen angeblicher Devisenvergehen führte) zeigt sich auch in seinen Äußerungen zum Mauerfall:

"Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch, edlen Blicks, einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef. Welche Gesichter, da sie, mit kannibalischer Lust, in den Grabbeltischen, von den westlichen Krämern ihnen absichtsvoll in den Weg plaziert, wühlten; und welch geduldige Demut vorher, da sie, ordentlich und folgsam, wie's ihnen beigebracht worden war zu Hause, Schlange standen um das Almosen, das mit List und psychologischer Tücke Begrüßungsgeld geheißen war von den Strategen des Kalten Krieges."
- SPIEGEL 49/89

Er hat diese Äußerungen allerdings relativiert, nicht das DDR-Volk sei dafür verantwortlich, sondern seine Führung, die es um die Früchte seiner Arbeit gebracht habe.

Hier noch ein Beweis für Heyms Eitelkeit:

Einmal gab er im kleinen Kreis, der über Vereinigung, Krise und Stasi debattierte, zu: "Das alles langweilt mich." Was er denn spannend finde? Knappe Antwort: "Mich."
SPIEGEL 6/94

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch, der die DDR verlassen musste, kritisierte HEYM, der „die Erschießung eines Menschen (des Treuhand-Chefs Rohwedder) mit einem Präzisionsgewehr als "großartiges Sujet" bezeichnet habe.

Quelle
Die “Rote Fahne” schrieb noch “wir werden siegen”, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.
Bert Brecht
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon augenzeuge » 22. August 2024, 18:01

[wink]
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Re: Stefan Heym zum 10. Todestag

Beitragvon augenzeuge » 22. August 2024, 18:35

Trotziger Schriftsteller und Grenzgänger: Stefan Heym

Am 22.5.1979 wird Stefan Heym in der DDR wegen angeblicher Devisenvergehen verurteilt. Dem Schriftsteller sollten Grenzen aufgezeigt werden. Grenzen - ohnehin Heyms zentrales Thema.Stefan Heyms Lebensthema sind Grenzen: etwa die, die er überqueren muss, als bedrohter Flüchtling, als angefeindeter Emigrant. Doch Grenzen auch in den Köpfen, politische, religiöse, ideologische, an denen er sich wundstößt, selbst wenn die Grenzen sich tarnen. *** Das ist unsere wichtigste Interviewpartnerin: Beate Kunath (Filmemacherin)
Schon als Schüler veröffentlicht er 1931 in einer Chemnitzer Zeitung ein Anti-Kriegs-Gedicht. Damals noch unter seinem richtigen Namen Helmut Flieg. Daraufhin fliegt er vom Gymnasium, studiert Journalistik in Berlin, schreibt in linken Zeitungen - und landet als Feind auf der schwarzen Liste der Nazis. Als Hitler an die Macht kommt, veröffentlicht Flieg nur noch unter dem Pseudonym Stefan Heym und flieht erst nach Schlesien, von dort aus zu Fuß über die Berge nach Prag.


Später emigriert er weiter in die USA und kehrt im Krieg als amerikanischer Soldat zurück. Im besetzten Deutschland arbeitet er als Militärjournalist am Aufbau einer freien Presse mit, kehrt dann aber in die USA zurück. 1948 erscheint sein Kriegsroman "The Crusaders". Als in den USA die McCarthy-Ära beginnt, kehrt er zurück nach Europa, nach Ost-Berlin. In der DDR versteht er sich als "kritischer Marxist".

Schon mit SED-Parteichef Walter Ulbricht bekommt Heym Ärger wegen seiner unangepassten Kommentare. Seit den 1960er-Jahren lehnt die Zensur immer mehr Bücher von Heym ab. 1976 organisiert Heym mit anderen den Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. 1979 rechnet er in seinem Roman "Collin" mit dem Stalinismus ab. In der DDR darf das Buch nicht erscheinen. Weil Heym es im Westen drucken lässt, wird er am 22.05.1979 wegen Devisenvergehen verurteilt und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Nach dem Fall der Mauer macht Heym eine kurze politische Karriere. Er stirbt am 16. Dezember 2001 bei einer Vortragsreise in Israel.


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