von pentium » 2. August 2024, 15:47
Künstlerische Baurelikte aus der DDR gibt es also einige an Universitäten. Aber was haben Agitation und Propaganda der damaligen Staatsführung an heutigen Bildungsstätten verloren? Sollte man diese nicht einfach aus dem öffentlichen Raum tilgen, wie es mit dem Palast der Republik und dem Cottbusser Mosaik geschehen ist? In der Diskussion sei man heute weiter, sagt die ESMT. Vertreter der Opfer der DDR-Diktatur forderten immer wieder einen bewussten Umgang mit sozialistischer Kunst: „Stimmen, die Werke zu entfernen, sind uns aber nicht bekannt.“
Meinungen über Qualität und Ästhetik der Kunst gingen unter Studierenden und Belegschaft auseinander, kommentiert die Hochschule – die Kunst im Gebäude sei „ein ständiger, wichtiger Anknüpfungspunkt für die Auseinandersetzung mit der Zeit der DDR und der ursprünglichen Nutzung des Gebäudes“. Dies sei eine wichtige Funktion dieser Werke in der heutigen Zeit, sagt auch Jo Achermann: „Der Mensch braucht solche Bilder, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.“
Der Künstler saß bis vor kurzem der Kommission „Kunst und Campus“ der BTU vor und war auch dabei, als das Eisel-Mosaik von der Unifassade entfernt wurde. Dass junge Studierende heute wieder über die Ikonografie der DDR nachdenken, begrüßt er: „Wenn die Zeugnisse dieser Zeit weg sind, fehlt das Fundament, um Entwicklungen zu reflektieren.“ Für die lokale Bevölkerung und ehemalige Studierende sei die Kunst Teil der eigenen Erfahrungswelt: „Es geht dabei auch um ein soziales Verstehen, das der Mensch braucht.“
Das Cottbuser Eisel-Mosaik spiegelte das stärker wider als andere Werke: Seine Bergbau- und Bauarbeitermotive ohne plakative politische Botschaft bildeten eine prägende Ära der Lausitz ab: Zur DDR-Zeit war man stolz, als Energieregion das gesamte Land zu versorgen. Auf dem Campus der heutigen BTU waren ein „Bildungszentrum“ mit einer Hochschule für Bauwesen sowie Fach- und Oberschulen untergebracht. Doch nach der Wende wurde ein Fünftel der Bevölkerung arbeitslos, die Jungen wanderten ab.
Nun soll sich wieder alles ändern, der Strukturwandel die Lausitz transformieren. Es sei eine grundlegende Frage, wie viel Verlust man tolerieren, also wie viel Kunst und damit „Erinnerungen“ man zerstören oder erhalten wolle, sagt Achermann: „Nach den Jahren der Bilderstürmerei ist es an der Zeit, ostdeutsche Geschichte in ihrer Komplexität wertzuschätzen.“
Manchmal kommt auch der natürliche Verfall der Zerstörung zuvor, wie an einem weiteren riesigen Wandbild an der Brandenburgischen-Technischen Universität sichtbar wird. An der Stirnseite eines anderen Gebäudes prangt eine Personengruppe im Stil des sozialistischen Realismus: darunter Fackelträger, Chemiearbeiterin und Soldat. Das Bild von Gerhard Bondzin und Gerhard Krüger ist nicht nur als zeithistorisches Zeugnis interessant, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Wahl des Materials: Es handelt sich um aufgespritzte Glaskrösel, kleine Krümel aus Farbglas, die in der Sonne glitzern. Doch die empfindliche Kröselschicht schält sich von der Fassade, früheren Erhaltungsversuchen zum Trotz.
In ähnlich desolatem Zustand befindet sich der Springbrunnen im Garten des ehemaligen Staatsratsgebäudes in Berlin. Mit roten und blauen Ranken in Glasmosaik wurde er in den Siebzigerjahren von Ortrud Lerch erschaffen und kommt ganz ohne politische Botschaften aus. Doch aus Spalten und Löchern wuchert der Mauerpfeffer. Nicht mehr lange, verspricht die ESMT, die dort heute untergebracht ist. Sie plane „eine vollständige Erneuerung des Brunnens in zwei Bauabschnitten bis Ende 2025“. Wegen seiner großen historischen Bedeutung sind in die denkmalpflegerische Erhaltung des Staatsratsgebäudes laut Mitteilung 40 Millionen Euro geflossen.
Auch das Glasbild im Treppenhaus wurde vor etwas mehr als zehn Jahren überholt. Eine Videoinstallation klärt über die Hintergründe und Entstehung auf. „Wir bieten regelmäßig kostenlose Führungen an, auch für die allgemeine Öffentlichkeit. Dabei geht es immer um die Geschichte des Gebäudes und dessen Kunst, denn nach unserer Auffassung muss man beides zusammen sehen“, so die ESMT.
Manches harrt noch der Aufarbeitung oder tritt erst noch zutage: Im Universitätsgebäude der Humboldt-Uni am Hegelplatz gibt es unter anderem eine Mosaikwand aus den Achtzigern, deren Entstehungsgeschichte noch nicht vollständig rekonstruiert wurde. Im Haus der Bibliothekswissenschaften der HU wurde vor einigen Jahren eine Wandmalerei aus den Fünfzigern gefunden, damals gehörte das Gebäude noch nicht zur Uni, wie die Kustodin Kuhli erklärt:„Eine Studierendengruppe erforscht derzeit die Umstände, den Künstler, die Freilegung und Restaurierung.“
Für die differenzierte Auseinandersetzung scheint die Uni der ideale Ort. Auch an der BTU befassen sich Studierende mit den DDR-Werken auf dem Campus, etwa im Studiengang „Bau- und Kunstgeschichte“. Heute habe die Kunst nicht mehr den Auftrag, idealisierte Gesellschaftsbilder zu propagieren, sagt die Professorin. Braucht es dann überhaupt noch die künstlerische Auseinandersetzung an der Hochschule? „Mehr denn je! Der Mensch ist kein bloß rationales, auf einen rein kognitiven Lernprozess reduzierbares Wesen. Er hat auch ästhetische Bedürfnisse“, sagt Claus.
Auch die allgemeine Bevölkerung sieht inzwischen genauer hin. Nach 30 Jahren fange man an, nach dem Wert der Kunst aus der DDR-Zeit zu fragen, sagt Susanne Kähler von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). „Aber die Denkmalämter konnten erst später reagieren, jetzt ist es oft schon zu spät.“ Sie hat mit bildhauerei-in-berlin.de eine Datenbank aufgebaut, in der Kunst des öffentlichen Raumes in der Hauptstadt dokumentiert ist. Vieles ist auch aus DDR-Zeiten dabei. An ihrer eigenen Einrichtung gebe es jedoch keine baugebundene Kunst aus dieser Epoche.
Das baukulturelle Erbe der DDR habe viel zu lange ein Schattendasein geführt, sagt auch Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle. Damit sei es nun vorbei, gelobte sie jüngst beim Berlin-Brandenburgischen Denkmaltag: „Wir haben ein eigenes Förderprogramm aufgelegt, um Beispiele der Ostmoderne in Brandenburg zu sichern und zu erhalten – und wieder sichtbarer zu machen.“
Für das Eisel-Mosaik an der Cottbusser Uni kommt die neue Wertschätzung zu spät. Die BTU wollte bald nach ihrer Gründung ihren Eingangsbereich neu gestalten, zu „gedrückt“ sei die Atmosphäre gewesen. Eine „Öffnung im Eingangsbereich für die Blickachse“ durch eine Glasfront sollte Abhilfe schaffen, wie es in einem alten Bericht der „Lausitzer Rundschau“ heißt.„Ich habe darum gekämpft, dass das Mosaik woanders aufgestellt wird“, zitiert sie Fritz Eisel, der 2010 verstorben ist. Der Künstler hatte damals alternative Montageformen wie das Einlassen der Platten in den Boden abgelehnt. Die Stadt bezifferte seinerzeit die restauratorische Einlagerung mit 550.000 Euro, was dem zuständigen Landesamt zu teuer war.
So wurde das Bild „an den Künstler zurückgegeben“ – eine rein vertragsrechtliche Formulierung, wie die Familie Eisels sagt. So wanderten die bunten Platten in den Schredder und sind heute nur noch auf Bildern zu sehen.
Der Autor dieser Reportage ist Mitarbeiter der in Berlin erscheinenden Zeitung „Der Tagesspiegel“ .
„Der Mensch braucht solche
Bilder, um sich mit der Geschichte aus- einanderzusetzen.“