Ostdeutsches Kulturerbe und Identität
Die Verdrängung der Vertriebenen aus der Erinnerung der Deutschen setzt sich fort. Doch wohin will eine Nation, die manche nur noch als Einwanderungsgesellschaft verstehen, Zuwanderer integrieren, wenn sie selbst nicht mehr weiß, woher sie kommt?
Ist es vorstellbar, dass das große Museum für die französische Sprache im Schloss von Villers-Cotterêts nahe Paris aus Unbehagen an der eigenen Nation in ein „Museum der Sprache“ umgemodelt würde? In Deutschland ist so etwas ähnliches nicht nur möglich, es ist jüngst auch geschehen: Das Oldenburger „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ (BKGE) entledigte sich kurzerhand „der Deutschen“ in seinem Namen. Mancher rieb sich ungläubig die Augen. War nicht gerade das Kulturerbe der vertriebenen Deutschen der eigentliche Seinsgrund des umbenannten Hauses?
Wem imponiert, welch klare Kante grüne Politiker gegen Putins Ukrainekrieg zeigen, fand es besonders schade, dass ein grünes Kulturstaatsministerium ausgerechnet die „aggressive Geschichtspolitik Russlands“ gegen seinen südwestlichen Nachbarn und die daraus folgende „Aufgabenerweiterung“ des BKGE als Begründung für die Umbenennung ins Felde führte. Es war eine Steilvorlage für die CDU/CSU-Opposition im Bundestag angesichts der Bedrohung auch der heimatverbliebenen deutschen Minderheit in der Ukraine durch Putins barbarischen Krieg.
Andere öffentliche Begründungsversuche legten zumindest nahe, dass die Ukraine als eine Art Nebelkerze diente. Über eine Umbenennung war nämlich schon jahrelang diskutiert worden, nachdem das BKGE sich 2005 im Rahmen des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität „transnationaler europäischer Geschichtsbetrachtung“ verschrieben hatte. Dabei handelt es sich um eben jenes Netzwerk, dessen Zweck auch darin bestand, ein zu vertriebenenfreundliches „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin – erfolgreich – zu verhindern. Schien in der jetzigen Konstellation die Gelegenheit gekommen, wie Reinhard Müller in der „FAZ“ befürchtete, sich auch noch „der Geschichte der Deutschen im Osten schleichend zu entledigen“?
https://paz.de/artikel/ostdeutsches-kul ... 11188.html
Kein Bewusstsein für den Verlust
Das Ganze rührt jedenfalls grundsätzlich an Fragen unserer nationalen Identität, mit der sich die Deutschen seit 1945 und trotz eines kurzen schwarz-rot-goldenen Sommermärchens 2006 bis heute so schwertun. Zur Erinnerung: Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren aus den Staats- und Siedlungsgebieten der Deutschen im östlichen Europa an die 15 Millionen Menschen vertrieben worden. Aus Heimaten, in denen ihre Vorfahren oft seit 800 Jahren gelebt hatten, die untrennbar mit Geschichte und Kultur unseres Volkes verbunden waren und es auch immer bleiben werden. Aber hat der Umgang der deutschen Gesellschaft mit diesem „ungeheuren Verlust“ im Osten (Louis Ferdinand Helbig) der Größe der Amputation jemals Rechnung getragen? War es auch nur annähernd so, als ob 1945 – quantitativ vergleichbar – im Süden Bayern, Baden und Württemberg weggeschnitten worden wären?
Noch in den 1950er Jahren tauchte erstmals das Wort vom „Ghetto der Landsmannschaften“ auf. Es wollte sagen, dass sich das „kommunikative Gedächtnis“ der Ostvertriebenen, denen ihre Heimat besonders am Herzen lag, von dem der alteingesessenen westdeutschen Mehrheit schroff unterschied. Diese Mehrheit wurde politisch noch dadurch vergrößert, dass es die Vertriebenen nie schafften, ihrer Zahl entsprechend im Bundestag und in den Landtagen vertreten zu sein.
Minderheiten in einer Demokratie haben es schwer, zumal wenn sie keinem Zeitgeist entsprechen. Der aber wehte in eine andere Richtung, nicht nur weil auch Millionen Alt-Westdeutsche als Kriegsversehrte oder Ausgebombte mit der materiellen Bewältigung der NS-Katastrophe mehr als beschäftigt waren. Sondern auch wegen der für die Bundesrepublik im Kalten Krieg überlebenswichtigen Ausrichtung gen Westen: politisch, militärisch, ökonomisch und eben auch kulturell. Glücklich darüber, dass nach 1945 wenigstens der größere Teil Deutschlands – nach langen „Sonderwegen“ vorher – endlich im Westen angekommen war, mochte sich die Gesellschaft der Bundesrepublik nicht gern von komplizierten – östlichen – „Erinnerungen behelligen lassen“ (Christoph Stölzl).
War der Umgang mit Flucht und Vertreibung womöglich nur ein Unterkapitel der von Psychologen diagnostizierten „Unfähigkeit (der Deutschen), zu trauern“: Wie gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus eben auch gegenüber den Opfern seiner Folgen? Vielleicht gibt es hier sogar einen noch weiter reichenden Kausalbezug, und die Abwendung vom verlorenen Osten war die radikalste Form der eben doch schon früh, teils eher unterbewusst auch im breiten Volk vorhandenen Ahnung, welch schwere Schuld die Deutschen mit Holocaust und NS-Besatzungsterror im Osten auf sich geladen hatten. Je stärker dann ab Ende der 1950er Jahre das „Dritte Reich“ in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geriet, desto mehr galt die große Vertreibung von 1945 ff. vielen nur noch als Ergebnis ausschließlich dieser deutschen Katastrophe und letztlich als Geschehen nachgeordneter Bedeutung.
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