„Die Stasi hat mir mein Familienerbe entrissen“

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„Die Stasi hat mir mein Familienerbe entrissen“

Beitragvon Interessierter » 22. September 2019, 09:23

Zeuthen (Brandenburg) – Es ist ein schönes Dorf am See. Früher hieß es bei den Berlinern: „Der Wunsch von den großen Leuten ist ein schönes Haus in Zeuthen.“ Gisela Tosch (92) hat so ein Haus. Eines ist ihr geblieben. Aber Tosch und ihre Familie verloren zu DDR-Zeiten Immobilien an die Stasi.

Großmutter Tosch, wache hellblaue Augen, kurzes weißes Haar, Hörgerät, sitzt im Garten vor dem Zeuthener See mit Tochter Ulrike (51) und Enkel Tristan Luckow (19). Großmutter und Enkel haben eine ähnliche Augenform, ähnliche Brauen, auch wenn er ein paar Köpfe größer ist.

Die glorreichen Zeiten

Der Fischer Ernst Hankel war damals der wichtigste Mann am See. Schließlich besaß er die Fischereirechte für das gesamte Gewässer, lebte gut von Unterlizenzen, die er an kleinere Fischer vergab. Er starb 1932 und hinterließ vier Kinder. Johanna (†1979), das war Gisela Toschs Mutter, sowie die kinderlosen Charlotte (†1974), Fritz (†1978) und Dora (†1979). Johanna zog in jungen Jahren zu ihrem Mann an die Seestraße, dessen Nachnamen (Tosch) sie annahm. In das Haus, in dem die drei Generationen – Gisela, Ulrike und Tristan – auch heute noch leben.

Ihre drei Geschwister blieben in dem 6000-Quadratmeter-Anwesen „Hankels Villa“ an der nahen Lindenallee, ebenfalls direkt am See. Als das Leben der drei dort verbliebenen Hankels dem Ende zuging, streckte die Stasi ihre Finger nach der Immobilie aus.

„Auf einem kleinen Teil des Grundstücks hatte sich die Stasi schon eingenistet“, erzählt Gisela Tosch. „Ein Filmschaffender hatte dort gewohnt und war nach Schweden abgehauen. Dann haben die das übernommen.“

So erschlich sich die Stasi das Grundstück

Als nur noch Fritz und Dora lebten, kam Mitte der 1970er-Jahre der hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter Heinz Kempe auf sie zu und drückte ihnen unter seinem Decknamen „Heinz Karsten“ einen Kaufvertrag auf. Laut Stasiakten (die die Redaktion durch Toschs Anwalt einsehen konnte) sollte dort ein „Treffpunkt für ausgewählte IM“, also inoffizielle Mitarbeiter entstehen, ein „konspiratives Objekt“ für „politisch operative Arbeit“. 1977 kaufte das Ministerium für Staatssicherheit das Grundstück.

Als Gegenleistung wurde den alten Leuten kurz vorher noch die Küche renoviert und Fritz Hankel kam nach einem Herzinfarkt in ein Regierungskrankenhaus, wo er Weihnachten 1978 verstarb. Normalerweise wurden dort einfache DDR-Bürger nicht behandelt. Dora kam in ein Altersheim, das ebenfalls von der DDR-Regierung genutzt wurde. „Auch da wäre kein Normalsterblicher reingekommen“, sagt Giselas Tochter, Ulrike Luckow. All diese Vorleistungen wurden dann mit dem Kaufpreis verrechnet.


„Nach den ganzen Verrechnungen haben meine Großtante und mein Großonkel kurz vor ihrem Tod noch etwa 2 Mark und 70 Pfennige bekommen“, sagt Tochter Tosch. Dabei hätten ihre Mutter Gisela und letztendlich sie und Sohn Tristan das Anwesen in Top-Lage geerbt, als nächste Verwandte der verstorbenen Hankels. So hatte es nun die Stasi in den Händen und baute dort 1984 ein neues Haus, zog Hecken hoch als „Schall- und Sichtblenden“, wie es in den Stasiakten heißt.

Nach der Wende

Nach der Wende fiel das Grundstück dann dem deutschen Staat zu, automatisch, rechtlich korrekt. Gisela Tosch versuchte 1999 über das Verwaltungsgericht Cottbus, das Anwesen zurückzubekommen. Schließlich, so denkt sie, wurde es ihrer Familie durch unlautere Stasi-Methoden abgenommen: „Die Stasi hat mir mein Familienerbe entrissen“. [/b]

Letztendlich gab sie dieses Vorhaben aber auf. Sie hatte einen Brief aus Cottbus bekommen, in dem stand, dass die Kosten für so ein Verfahren mit ungewissem Ausgang sehr hoch werden könnten. „Als Streitwert wird – der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts folgend – der aktuelle Verkehrswert des umstrittenen Vermögensgegenstandes bis zur Grenze von 1 Million DM zugrunde gelegt“, steht da. „Von daher könnte es sich empfehlen, das Kostenrisiko frühzeitig abzuschätzen.“ Gisela Tosch: „Ich hatte kein Geld dafür, das durch alle Instanzen zu versuchen.“

Der Staat annoncierte es schließlich durch die Treuhand zum Verkauf. „Seeblick, wer will Meer?“, steht in einer Zeitungs-Annonce von 1999. Ein „Einfamilienhaus mit Bootshaus in wunderschöner Lage direkt am Zeuthener See. Wir bitten um Ihr Kaufangebot.“

https://www.bild.de/regional/berlin/sta ... .bild.html
Interessierter
 

Re: „Die Stasi hat mir mein Familienerbe entrissen“

Beitragvon augenzeuge » 22. September 2019, 10:33

Dora kam in ein Altersheim, das ebenfalls von der DDR-Regierung genutzt wurde. „Auch da wäre kein Normalsterblicher reingekommen“, sagt Giselas Tochter, Ulrike Luckow. All diese Vorleistungen wurden dann mit dem Kaufpreis verrechnet.


Ich habe erlebt, dass Großeltern erst dann den Platz fürs Altenheim bekamen, als die Kinder den Ausreiseantrag zurücknahmen.

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