War die DDR reformwilliger als bekannt?
http://www.welt.de/kultur/literarischew ... ollte.html

AZ


Thoth hat geschrieben:Augenzeuge, hast du das Buch gelesen oder nimmst du deine "Erkenntnisse" wie üblich aus dem von dir eingestellten Text?
Thoth
Es war ein kurzer Sommer. Mitte der Sechzigerjahre versuchte die DDR, sich aus der Umklammerung durch die Sowjetunion zu befreien und ihren Künstlern und Intellektuellen größere Freiräume zuzugestehen. Doch schon bald setzten sich die Hardliner durch, die letzten unabhängigen Köpfe verabschiedeten sich von der SED. Für Gunnar Decker setzt damals jene innere Erosion ein, die 1989 zum Zusammenbruch des deutschen Sozialismus führte. Sein Buch spiegelt Aufstieg und Niedergang der DDR in den Schicksalen bekannter und unbekannter Schriftsteller, Theaterleute und Filmemacher. Decker, 1965 in der DDR geboren, erzählt ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte, das mit dem Fall der Mauer noch lange nicht zu Ende ist.



augenzeuge hat geschrieben:
Das Buch kam in 4/15 in die Läden, hast du es etwa schon?
Thoth hat geschrieben:augenzeuge hat geschrieben:
Das Buch kam in 4/15 in die Läden, hast du es etwa schon?
Eine ganze Weile und natürlich bereits gelesen.
@Mara, zumindest wenn man sie einer Wertung unterzieht sollte man es zumindest selbst gelesen haben und sich nicht mit Sekundärquellen begnügen.

Thoth hat geschrieben:Das fragst du noch?

augenzeuge hat geschrieben:Thoth hat geschrieben:Das fragst du noch?
Ja, frage ich. Wenn ich gewisse politische Dinge verteidige, wie du es tust, dann würde ich zumindest die Erkenntnisse aus dem Buch nutzen, um sie zu untermauern.
AZ

1965, auch so ein "Schicksalsjahr"...
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud / In dieser lieben Sommerzeit!“ hatte schon Paul Gerhardt 1659 gedichtet. Da war an die DDR noch nicht zu denken und es mussten auch viele Winter folgen, bis Gunnar Decker voller Empathie von einem kurzen Sommer dieses kleinen Landes erzählen konnte. Aber tanzte es wirklich nur einen Sommer? Kann mit dieser kurzen Jahreszeit ein langes, zumindest 40-jähriges Leben erklärt werden? Natürlich handelt es sich nur um eine Metapher, um Aufmerksamkeit zu erlangen und den Verkauf zu befördern. Und es war auch nicht der einzige Sommer in der Geschichte der DDR. Freilich ein wichtiger, den Aufbruchstimmung prägte und der in einer „Eiszeit“ endete. Dass Gunnar Decker das Jahr 1965 gewählt hat, ist einerseits zufällig, andererseits durchaus nachvollziehbar und überaus interessant zu lesen.
Der Fokus des Buches liegt auf der Intellektuellen- und Literaturgeschichte, einschließlich Dramatik und Lyrik, mit gelegentlichen Ausflügen in die bildende Kunst sowie in die Jazz- und Rockmusik. Relativ wenig erfahren wir über die Filmproduktion in dieser Zeit, so gut wie gar nichts über Architektur und Neue Musik. Auch die Denkmal- und Erbepflege spielt nur eine geringe Rolle. Populär- und Volkskultur bleiben außen vor. Gleichwohl bietet Decker ein umfangreiches Panorama der Gesellschaft der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen, die sich für eine Modernisierung einsetzten und teils auf die Unterstützung, teils auf den Widerstand der neuen und alten Mächtigen trafen. Gemäß der dramaturgischen Vorstellung des Autors ist das Buch in drei große Teile gegliedert: Aufstieg, Absturz und Trümmer. Das ist sehr einfach, aber zugleich überzeugend und greift auf andere Weise die Metapher von den Tauwettern und Eiszeiten wieder auf. Aber wir sollten uns von dem Vergleich mit den Jahreszeiten nicht allzu wetterfühlig zeigen.
Dieses Buch ist nicht chronologisch angelegt. Es hat vor allem eine personale Struktur und umreißt in Rück- und Vorgriffen die künstlerischen und kulturellen Debatten und Entwicklungen in den Jahren nach dem Mauerbau. Zwar läuft die Darstellung auf den sogenannten Kahlschlag des 11. Plenums des ZK der SED im Dezember 1965 zu, aber sie geht zuweilen auch weit über das Jahr 1965 hinaus. Die Quellen des Autors sind, neben einigen historischen Standardwerken, vor allem Autobiographien, Briefwechsel, Erinnerungen, Tagebücher und Essays der Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen. Wir erfahren viel und überaus Erhellendes über die Antriebe und Beweggründe einer Generation, die in der ersten Hälfte der Sechziger antrat, den Sozialismus in der DDR ernst zu nehmen. Die darüber mitreden wollte, welche Art von Sozialismus hier entstand. Es sind vor allem Vertreter der Aufbaugenerationen, die umfassend zu Wort kommen, sowie einige der „Partisanen“ aus den Gründergenerationen der DDR (Arendt, Becher, Bloch, Brecht, Anna Seghers und Helene Weigel), an denen sie sich orientierten.
Die Sympathie Deckers gilt der Aufbruchstimmung, den Kritikern und Reformern, den zahlreichen Versuchen, die Probleme der Gesellschaft darzustellen, zu diskutieren und ein Mehr am künstlerischer und intellektueller Freiheit zu erreichen. Natürlich ist dem Kenner der Kulturgeschichte der DDR sehr viel von dem bekannt, was hier brillant nachempfunden wird, aber man findet auch immer Neues oder Vergessenes wieder: über und von Fritz Cremer, Frank Beyer, Friedrich Dieckmann, Adolf Dresen, Robert Havemann, Wolfgang Heise, Jürgen Teller, Konrad Wolf; sowie die lange Reihe der Schriftstellerinnen und Schriftsteller Sarah Kirsch, Helga M. Novak, Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf, Wolf Biermann, Johannes Bobrowski, Volker Braun, Werner Bräunig, Fritz Rudolf Fries, Franz Fühmann, Peter Hacks, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Uwe Johnson, Günter Kunert, Heiner Müller, Erik Neutsch, Hermann Kant und Erwin Strittmatter. Um nur einige wichtige Akteure zu nennen, zwischen denen Decker durchaus zu differenzieren weiß.
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast