Mauer-Passagen

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Mauer-Passagen

Neuer Beitragvon augenzeuge » 22. Juni 2019, 11:12

Geschichten und Berichte von Zeitzeugen

Hans-Joachim Musiol
Vorkommnisse

Von 1968 bis 1972 studierte ich an der Universität in Halle an der Saale Pädagogik, Französisch und Geschichte. Das Literaturangebot in Französisch war mehr als dürftig. Im "Internationalen Buch", der einzig passenden Buchhandlung, hatten die Romanistikstudenten die zwei Regalreihen schnell durchgesehen. Besonders haperte es an einsprachigen Wörterbüchern und an Belletristik. Wir bekamen eine lange Liste an Pflichtlektüre, aber davon gab es kaum etwas zu kaufen. Selbst die Lehrbuchreihe, mit der ein wesentlicher Teil der Sprachausbildung bestritten wurde, war nicht im DDR-Buchhandel erhältlich. Also mußte das alles "besorgt" werden, und das ging nur über Kontakte ins westliche Ausland. Einerseits hieß es "Abgrenzung vom Klassenfeind", andererseits war jeder von uns das gesamte Studium über damit beschäftigt, seine "Westkontakte" zu intensivieren - vor allem nach Frankreich. Selbst die Dozenten und Lehrer hielten uns dazu an, alle Möglichkeiten zu nutzen, um mit der Sprache immer wieder in Kontakt zu kommen und sich "Sachen mitbringen" zu lassen.

Unser größtes Problem war die Anwendung der Fremdsprache außerhalb des Institutes. Eine Reise oder gar ein Studienaufenthalt in Frankreich - undenkbar!

Deshalb konnte man zur Leipziger Messe an französischsprachigen Ständen oft Mitstudenten treffen. Ich hatte mir im lnterhotel in Halle, das zur Messezeit ausschließlich mit westlichen Gästen belegt war, einen Job gesucht: Kofferträger, nachts Schuhputzer, Autowäscher und Dolmetscher an der Rezeption. Alles, was im Hotel französischsprachig ablief, regelte ich, der Hotelboy. Ich war zufrieden, konnte ich doch Französisch sprechen, genoß eine gewisse Sonderstellung und die Trinkgelder konnten sich auch sehen lassen, zumal es Westgeld gab!

Eine andere Möglichkeit des Sprachkontakts eröffnete sich uns Studenten bei Dolmetschereinsätzen in den Semesterferien. Die DDR wollte ihre Errungenschaften auch im westlichen Ausland publik machen. So kam es unter Mithilfe der "Gesellschaft DDR - Frankreich" zu einem Schüleraustausch, allerdings nur einseitig. Das war Klassensolidarität: arme französische Arbeiterkinder, die es sich nicht leisten konnten, in die Ferien zu fahren - die SED machte es möglich. In Frankreich, von der Kommunistischen Partei organisiert, bezahlten die Franzosen nur einen Bruchteil dessen, was der Aufenthalt eigentlich kostete. Dabei waren es recht komfortable Ferien; viel, sehr viel, wurde geboten! Auf diese Weise verbrachten jedes Jahr Tausende junger Franzosen ihren Sommerurlaub in der DDR. Im Sommer 1969 verlebte ich als Betreuer vier wunderschöne Wochen im Betriebsferienlager des VEB Funkwerke Köpenick in Grünheide bei Erkner. Für einen angehenden Lehrer war das einfach perfekt! Arbeit mit Kindern, von früh bis abends Französisch, und dazu wurde diese Tätigkeit auch noch bezahlt!

Mit Denis, dem französischen Betreuer der etwa 20köpfigen Gruppe - offiziell Delegation genannt - bahnte sich bald eine Freundschaft an. Schon während dieses ersten Einsatzes wurde angefragt, ob ich im kommenden Jahr wieder zur Verfügung stünde. Natürlich sagte ich zu, und auch Denis wollte im nächsten Jahr wiederkommen. In unzähligen Gesprächen mit den französischen Gästen fiel mir auf, daß die Franzosen fast nichts von der DDR wußten. An Politik waren sie nicht sonderlich interessiert und bei der obligatorischen Darstellung der "Errungenschaften" unseres sozialistischen Staates hörten sie nur höflich zu. In Berlin nun wurde aber DDR-Politik sichtbar durch Mauer und strenges Grenzregime. Das stieß in der Regel auf wortloses Darüberhinwegsehen. In den vielen Jahren, die ich als Dolmetscher gearbeitet habe, gab es kaum einen französischen Jugendlichen, der zur Teilung Berlins Zustimmung geäußert hätte.

Und da gab es noch eine Kleinigkeit, oder sollte man dazu besser sagen, eine grobe Unhöflichkeit?

Normalerweise wird ein Gast nicht an der Bahnhofstür, sondern am Zug, verabschiedet. Aber was war schon normal im Grenzbahnhof Friedrichstraße? - Nicht auf dem Bahnsteig, der schon Grenze war, sondern im "Tränenpavillon", der Ausreisehalle für S- und U-Bahn und Fernzüge in Richtung West-Berlin, hatte das zu geschehen. So wurden viele positive Eindrücke, die die Jugendlichen mit in ihre Heimat nahmen, zunichte gemacht - eine Meisterleistung unserer Führung, der politisches Fingerspitzengefühl fremd war.

Jeden Sommer kamen einige hundert junge Franzosen nach Berlin, und das bedurfte einiges an Vorbereitungen. Für die Ferienlageraktion im Sommer 1970 wurde Denis von der französischen Seite beauftragt, letzte Einzelheiten mit den dafür verantwortlichen Genossen in Berlin abzustimmen. Er wurde dazu offiziell eingeladen. Eines Tages im Mai erhielt ich einen Anruf: "Ich bin jetzt in Köln auf der Fahrt nach Berlin. Wenn es dir möglich ist, würde ich dich gern zu den Absprachen als Dolmetscher mitnehmen."

Da ein Student zeitlich recht flexibel ist, sagte ich freudig zu. Er wolle in sechs bis sieben Stunden in Halle sein, ich müßte nur zusteigen. Und so war es auch. Freude über das Wiedersehen, kurze Pause mit ein paar belegten Broten und Kaffee, hinein in seinen auffallend gelben Renault R4 und ab ging es über die Autobahn Richtung Berlin. Wir kamen aber nur bis zur Kontrollstelle Beelitz. Dort stoppten Volkspolizisten unsere recht flotte Fahrt. Ich vermutete eine Geschwindigkeitsübertretung, denn ab Halle fuhren wir auf der Autobahn konstant 130 km/h, 100 km/h waren aber nur erlaubt. Denis mußte aussteigen und reichte dem Vopo seine Papiere. Ich wollte ebenfalls aus dem Wagen, aber mir wurde per Handzeichen angedeutet, im Auto zu bleiben. Da es sehr warm war, kurbelte ich die Scheibe herunter und konnte auch hören, was sich abspielte.

Der obligatorischen Nummernschildüberprüfung folgte zuerst eine technische Inspektion: Licht, Abblendlicht, Blinker, Hupe, Motorklappe auf. Denis konnte mir zuraunen: "lls sont fous!" ("Die sind wohl verrückt!")

Daraufhin wurde er barsch angefahren, daß er sich im Kontrollbereich nicht mit Privatpersonen zu unterhalten habe. Denis verstand es nicht, also redete er weiter, worauf ich sagte, er hätte jetzt mit mir Redeverbot. Nun wurde auch mir bedeutet zu schweigen.

Immer wieder wurde der Paß von Denis durchgeblättert, die Zählkarte untersucht, und weil das länger dauerte und der Kontrolleur wieder und wieder den Kopf schüttelte, gesellte sich ein zweiter Vopo hinzu und murmelte: "Der muß die Transitstrecke verlassen haben, hier, der darf nur von Marienborn nach West-Berlin."

Beide gingen um das Auto, beglotzten nochmals die Kennzeichen: "Da stimmt was nicht, und dann versteht der uns nicht, hole mal den ..." Ein Name wurde genannt.

Nach einigen Minuten erschien der dritte Vopo, ein Offizier. Der ließ sich kurz Bericht erstatten‚ fragte nach, ob der da - ich war gemeint - schon kontrolliert sei. "Noch nicht? Dann mal los!"
Mein "Paßport" wurde verlangt. Durch das Fenster reichte ich meinen blauen Personalausweis der DDR.

"Was? Sie sind ja Bürger der DDR! Was machen Sie in einem westlichen Fahrzeug - wollten wohl abhauen?"

Ich mußte aussteigen und wurde "zwecks Klärung dieses Sachverhaltes" vorläufig festgenommen. Wir zwei mußten uns nun, bewacht von einem Polizisten, neben das Fahrzeug stellen. Der zweite durchsuchte das Auto und der Offizier verschwand in der Baracke, wahrscheinlich wollte er telefonieren. Nach einer Weile tauchte er wieder auf, immer noch unsere Papiere in der Hand. Endlich konnte ich ihm erklären, wie ich in dieses Auto gekommen war und warum.

"Wenn das so ist, wie Sie sagen, angenommen, das ist so, dann ist das eine Verletzung des Transitabkommens, und wenn der Franzose da gut rauskommt aus dieser Sache, dann können Sie übersetzen, daß er über West-Berlin die DDR zu verlassen hat! Doch das werden die Genossen klären, die ich verständigt habe. Bis dahin bleiben Sie bei uns."

Jetzt wurde ich wirklich ungeduldig, mir reichte es, und ich forderte von ihm den gefalteten Briefbogen, der in Denis' Paß lag. Den wollte ich übersetzen. Knurrend reichte er mir das Blatt, die offizielle Einladung, die ich jetzt auf Deutsch vorlas. Sein Gesicht wurde immer länger. Auch war da eine Telefonnummer angegeben, die bei auftretenden Problemen anzurufen sei. Ich verlangte, mir dieses Telefonat zu ermöglichen.

Unsicher geworden, brachte mich der Offizier in sein Dienstzimmer, und bald hatte ich einen Herrn vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR am Hörer. Der fiel aus allen Wolken, als ich ihm mitteilte, daß wir zwei vorübergehend festgenommen worden seien. Er könne aber leider den bewaffneten Organen keine Weisung erteilen, deshalb müsse er über den Dienstweg gehen ..., in ein paar Minuten aber sei die Sache geklärt.

Nun wurde auch Denis hereingeführt, und ich teilte ihm kurz die Entwicklung mit. Der Vopo wurde zusehends freundlicher, er bot Zigaretten an, wir lehnten dankend ab. Nach nicht einmal zehn Minuten klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung mußte wohl die Luft brennen, ich konnte einige Wortfetzen mithören und die waren nicht gerade angenehm für den Offizier, der mit hochrotem Kopf in strammer Haltung immer wieder in den Telefonhörer hineinstammelte: "Jawohl, wird sofort erledigt ... jawohl, zu Befehl, Genosse General, jawohl ..."

Damit war das Telefonat beendet. Immer wieder sich entschuldigend brachte uns der Offizier zum Auto. Von den anderen beiden Vopos war nichts zu sehen, die hatten wohl Wind bekommen und sich schleunigst verzogen.

Später sagte Denis im Auto zu mir: "Unglaublich, wie die mit uns umgesprungen sind. Wie müssen die sich erst aufführen, wenn man nicht offizieller Gast ist ..."

Denis, damals Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, trat vier Jahre später aus dieser Partei aus. Seine Gründe teilte er mir bei unserem letzten gemeinsamen Ferienlagereinsatz mit.

Im Sommer dieses Jahres wurden wir in einer Schule an der Regattastraße in Grünau untergebracht, wunderbar gelegen und nicht weit zum Strandbad und zur S-Bahn. Dort logierte ebenfalls eine italienische Kinder- und Jugendgruppe. Die vier Wochen vergingen mit Baden, Sport, Besichtigungen und Ausflügen wie im Fluge. Besonders beliebt waren die abends von uns organisierten Discos, die auch von einer Menge deutscher Jugendlicher besucht wurden. Es waren für uns alle wunderschöne Tage!

Am Morgen des Abreisetages dann die allgemeine Hektik, die letzte gemeinsame Fahrt mit dem Bus zum Bahnhof Friedrichstraße. In der Ausreisehalle herrschte ein unglaubliches Gewühl. Hunderte Kinder und Jugendliche warteten auf die Ausreisekontrolle. Die verschiedensten "westlichen" Sprachen schwirrten durch die Luft. Schließlich waren die Franzosen an der Reihe. Ein Grenzoffizier las Name für Name vor, und dann ging der zu Kontrollierende mit seiner carte d'identité, seinem Personalausweis, durch die Kontrolle zum Transitbahnsteig. Nun kam meine Gruppe zur Abfertigung.

Händeschütteln, Umarmung, Tränen. Plötzlich fluchte der vor mir stehende Offizier, der die Namen aufrief: "Mistdurchschlag, kaum zu lesen ... wer soll denn das aussprechen können?" Offenbar war er in diesem Durcheinander sehr genervt. Schweißperlen rannen über sein Gesicht. Bei einem Namen war es dann soweit. Keiner wußte, wen er da eben aufgerufen hatte - die Kinder lachten. Der Grenzer blickte sich hilfesuchend um, der Kontrollablauf stockte.

Da wir die gesamte Zeit hinter ihm gestanden und uns schon über ihn amüsiert hatten, klopfte ich ihm auf die Schulter: "Geben Sie her, ich lese vor und Sie brauchen nur noch zu kontrollieren."

Der Offizier starrte mich einen Augenblick verwundert an und reichte mir dann wortlos die Liste. Also las ich die einzelnen Namen vor, verabschiedete mich dabei von den Kindern und der Grenzer kontrollierte.

"Kommst du noch mit zum Zug?" - Jedesmal mußte ich diese Frage verneinen. Der letzte Franzose ging durch die Sperre, letzter Gruß - das war's. Vier Wochen anstrengende, aber auch schöne Arbeit lagen hinter mir. Ich gab die Namensliste zurück. Eine andere französische Gruppe wurde jetzt abgefertigt, und der Offizier bat mich, deren Namen ebenfalls zu lesen. Wieder ging Kind für Kind durch die Sperre. Mittlerweile hatte sich die Ausreisehalle stark geleert, und nur einige Privatreisende strebten der Kontrolle zu. Ich gab die Blätter zurück.

"Danke, Mäsjö, merci", der Offizier blickte auf seine Armbanduhr. "In fünf Minuten" - er zeigte die fünf Finger -, "schnell! Zug fährt gleich ab!"

Dabei schob er mich durch den Paßkontrollgang. Jemandem von seiner Truppe rief er zu: "Braucht nicht mehr - habe ich schon - der muß noch zum Zug hoch", und er bugsierte mich weiter durch den schmalen Gang auf eine Tür zu, die sich wie von Geisterhand öffnete.

Was ging mir in diesen Sekunden nicht alles durch den Kopf! Ich brauchte nur den Stufen zu folgen - schon wäre ich in West-Berlin. Trennung von Eltern und Bruder, was ist mit dem Studium ...?
Nein, das kam zu plötzlich, außerdem hatte ich zu dieser Zeit nie ernsthaft über ein Weggehen nachgedacht. Wie angewurzelt blieb ich stehen, drehte mich um: "Ich bin kein Franzose, ich bin nur der Dolmetscher!"

Der Uniformierte hatte sofort begriffen, wurde aschfahl, schaute sich kurz um und raunte mir zu: "Um Gottes willen, zu keinem ein Wort, das kostet uns Kopf und Kragen!"

Ich nickte und ging die paar Meter zurück. Er blieb mitten im Gang breitbeinig stehen, offenbar hatte er sich wieder gefaßt. Draußen nahm mich der Lärm der verkehrsreichen Friedrichstraße auf.
Bis zum Fall der Mauer wußten nur zwei Menschen von diesem Vorkommnis: der Offizier und ich.


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Re: Mauer-Passagen

Neuer Beitragvon Interessierter » 22. Juni 2019, 11:45

Oh haua haua ha; Zeitzeugen, das geht ja gar nicht. Die haben doch alles nur erfunden oder kennen es nur von " Hören - Sagen ".
So jedenfalls die Ansicht von selbsternannten Experten aus den Reihen der freiwillig Dienenden bei den bewaffneten Organen der SED - Diktatur.

Ob die gar nicht wissen, dass sie selbst ja auch Zeitzeugen sind? [laugh]
Interessierter
 


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