
Ein West-Journalist wird gefoltert: Das Beispiel Helwig-Wilson
Hans-Joachim Helwig-Wilson, geboren 1931, Journalist und Pressefotograf mit Akkreditierung für Ost-Berlin, SPD-Mitglied, war jenseits der Sektorengrenze genauso zu Hause wie in West-Berlin, wo er lebte. Vor dem Mauerbau bewegte er sich im Osten mit größter Selbstverständlichkeit, besuchte Arbeiterkonferenzen und Feste des sozialistischen Kalenders, baute sich zudem ein Netz von Informanten auf, die ihn oft Inoffizielles über die DDR wissen ließen.
Der Bau der Mauer hatte Helwig-Wilson die Arbeit nicht erschwert: "Ich war ja akkreditiert und konnte jederzeit ohne Probleme über die Sektorengrenze fahren." Auch am 28. August 1961 machte er sich auf den Weg nach Osten. Mit einem Telegramm hatte man Helwig-Wilson nach Ost-Berlin rufen wollen, um ihm ein Angebot zu unterbreiten: "Die sagten, ich solle als West-Berliner Korrespondent für das 'Neue Deutschland' arbeiten." Der Kontakt wurde telefonisch hergestellt, und das "Neue Deutschland" versprach, einen Wagen vorbei zu schicken.
Die dunkle EMW-Limousine, die das "Neue Deutschland" geschickt hatte, fuhr vor. Der Wagen hielt vor einem Tor in der Magdalenenstraße. Hupte dreimal. "Das fand ich etwas seltsam." Das Tor öffnete sich, und der schwere Sechszylinder aus Eisenach schob sich in einen Hof - ein Gefängnishof. Starr vor Überraschung ließ Helwig-Wilson sich aus dem Auto zerren, durch Türen und über Flure führen, bis er in einer Einzelzelle stand. Vor dem Zusperren der Tür fragte er die Männer: "Ist das eine Verhaftung?"
Etwas später wurde der Journalist in einen anderen Raum geführt, in dem er von "etwa zehn Stasileuten" angebrüllt und durchsucht wurde. Er musste sich ausziehen. In Häftlingskleidung kam er wieder in die Zelle. Die Zeit kroch bis zum Abend. Dann begann das erste Verhör. "Da fingen die furchtbar an zu toben."
Bald wurde Helwig-Wilson klar, dass ihm aus vielen seiner Geschichten und Fototermine ein Strick gedreht werden sollte. In 14 Tagen nahezu ununterbrochenen Verhören zählte nicht das Argument, Helwig-Wilson habe nur Pressematerial, keine Geheimnisse im Westen veröffentlicht: "Der Vernehmer hat getobt wie ein Irrer." Schließlich brach der Journalist zusammen. "Ich war völlig am Ende - da unterschrieb ich denn das Geständnis, Agent des Verfassungsschutzes zu sein."
Erst zwei Tage vor seinem Gerichtstermin Ende Februar 1962 erfuhr Helwig-Wilson die Anklagepunkte: "Spionage und schwere Hetze". Die Klageschrift war Bezirksstaatsanwalt Klühsendorf, wie sich anhand von Stasi-Akten nachvollziehen lässt, vom MfS diktiert worden. Gemäß einer handschriftlichen Stasi-Anweisung in der Gerichtsakte, "Strafvorschlag 13/14 Jahre Zuchthaus" wurde Helwig-Wilson zu 13 Jahren verurteilt: Präzise zehn Jahre Zuchthaus für Spionage, drei für Hetze.
Dabei war der Journalist psychisch und physisch schon nach der U-Haft völlig am Ende. Körperlich klagte er über quälende Rückenschmerzen: "Ein Oberleutnant der Volkspolizei war mein behandelnder Arzt. Ohne zuvor eine Diagnose zu erstellen, gab er mir eine Injektion in die Wirbelsäule." Die Injektion warf Helwig-Wilson erst recht aufs Krankenlager: Nach der Spritze konnte er nicht mehr gehen. Obwohl die Behandlung offenbar fehlerhaft gewesen war, sind drei weitere Injektionen notiert worden, jedes Mal gefolgt von Komplikationen.
Helwig-Wilsons Gesundheitszustand wurde so schlecht, dass er dachte, er würde die DDR nie lebend verlassen können. Um sicherzustellen, dass sein Körper als Beweis für die schlechte Behandlung würde dienen können, verfügte er testamentarisch, dass er nicht, wie bei Häftlingen in der DDR üblich, nach seinem Tode verbrannt werden, sondern im Zinksarg nach West-Berlin überführt werden sollte.
Doch es kam anders. Eines Tages wurde er nach Berlin-Friedrichsfelde gefahren, stieg dort in den Wagen eines West-Berliner Rechtsanwalts um, der ihn nach West-Berlin brachte. In West-Berlin kam der Journalist zunächst wieder ins Krankenhaus: "Nach 16 Wochen wurde ich als Pflegefall entlassen".
https://kress.de/news/detail/beitrag/13 ... still.html









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