Der Bildempfinder

Der Bildempfinder

Neuer Beitragvon pentium » 5. September 2024, 11:31

Caspar David Friedrich ist zu seinem 250. Geburtstag in aller Munde: Seine berührenden Landschaften gehören zu den bekann-testen deutschen Bildern. Aber was macht den Künstler so besonders, dass Massen ins Dresdner Albertinum strömen?

Von Welf Grombacher

Dresden - Schon als Kind in der Werkstatt des Vaters verbrennt er sich beim Kerzenziehen immer die Flossen. Ungeschickt ist er. Ein Träumer. So einer kann eigentlich nur Künstler werden. Am liebsten würde er sein Leben lang nur aufs Meer schauen, „er ist eben eher so der romantische Typ“, schreibt Florian Illies flapsig über diesen Caspar David Friedrich, der vor 250 Jahren am 5. September 1774 in Greifswald das Licht der Welt erblickte. Er gilt hinter Albrecht Dürer als der bekannteste deutsche Maler.

Gefühlt ist ja schon das ganze Jahr Caspar-David-Friedrich-Jahr. Neben Florian Illies feiern tolle Biografien von Kia Vahland und Boris von Brauchitsch den Romantiker. Die ersten großen Ausstellungen in Hamburg und Berlin waren Publikumsmagneten, und in Dresden lockt die große Sonderschau „Caspar David Friedrich. Wo alles begann“ gerade Massen ins Albertinum. Auch Greifswald zeigt aktuell eine Ausstellung des Meisters.

Heute gilt der Maler als einer der Großen, doch das war lange nicht so. Zwar feierten die Romantiker Clemens Brentano und Achim von Arnim seinen „Mönch am Meer“ als sie die Ausstellung der Akademie 1810 für die „Berliner Abendblätter“ besprachen. Heinrich von Kleist als Herausgeber setzte noch einen drauf und betonte die Radikalität des Bildes: „So ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten werden.“

Die Meinungsführer des frühen 19. Jahrhunderts aber konnten mit dieser neuen Malweise wenig anfangen. Goethe gestand Friedrich anfänglich zwar noch die Hälfte des Preisgeldes seiner „Weimarer Preisaufgaben“ zu – obwohl der eigentlich mit einer Landschaft das Thema, ein Motiv aus der griechischen Mythologie, verfehlt hatte. Die Zeichnungen fand Goethe „vollendet“, sah den Maler aber „auf irrem Weg“: Später war der Dichterfürst regelrecht genervt vom ihn fortwährend umwerbenden Friedrich und soll vor Wut sogar eines von dessen Gemälden an einer Tischkante zerschlagen haben.

Heute aber gilt C.D. Friedrich als Inbegriff des Romantikers. Gemälde wie die „Kreidefelsen auf Rügen“ oder der „Wanderer über dem Nebelmeer“ (beide 1818) wurden zu Ikonen der Kunstgeschichte. Stimmungen wollte er malen und sagte: „Ein Bild muss nicht erfunden, sondern empfunden sein.“

Der Mode seiner Zeit beugte er sich dabei nicht. Die sah er als Schwäche. Nein, er wollte seinen eigenen Weg gehen. Wenn er an einem Himmel arbeitete, durfte ihn im Atelier niemand stören. Ehefrau Caroline wies die Besucher dann mit der Begründung ab, dass das Malen eines Himmels für ihren Gatten wie ein „Gottesdienst“ sei.

Als strenger Lutheraner huldigte er der Schöpfung mit Naturbildern, in denen der Mensch immer demütig an den Rand gedrängt erscheint. Tagelang zog er durch die Berge der Sächsischen Schweiz und fertigte Studien an, die er im Atelier zu Fantasielandschaften zusammenfügte. Seine Leinwände reagieren so schon zu Beginn der Moderne auf die Zerrissenheit der Welt und versuchen,die verlorene Einheit wieder zusammenzufügen.

Damit war Caspar David Friedrich seiner Zeit voraus – und bald depressiv und pleite. Es gibt sogar die Theorie, dass der Maler seinen Backenbart nur stehen ließ, um damit die bei einem Selbstmordversuch entstandene Narbe zu kaschieren. Als Friedrichs Werke 1840 nach seinem Tod in Dresden versteigert wurden, um die Witwe zu ernähren, kaufte sein Freund, der Maler Johann Christian Clausen Dahl (der die Auktion veranstaltete) als einziger ein Bild.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war C.D. Friedrich dann nahezu vergessen. Und nachdem er 1906 endlich in der Jahrhundertausstellung deutscher Kunst in der Berliner Nationalgalerie wieder entdeckt wurde, vereinnahmten bald schon die Nationalsozialisten seine „Rassewolken“ und wollten einen blonden Urgermanen aus ihm machen. Ausgerechnet aus diesem kauzigen Pommern, den Illies als „Spargeltarzan mit rotem Backenbart“ und „schleppendem Gang“ beschreibt.

Adolf Hitler persönlich steuerte die fehlenden 10.000 Reichsmark bei, die der Nationalgalerie für den Ankauf von Friedrichs Gemälde „Der Watzmann“ noch fehlten. Was der Führer nicht wusste: Das Bild gehört Martin Brunn, einem Juden, der mit dem Geld die Emigration seiner Familie finanzierte.

Nach dem Krieg stand diese Instrumentalisierung der Rezeption im Westen im Weg, und in der DDR galten die Romantiker eh als rückständig und bürgerlich dekadent.

Immerhin gab es ein paar große Geister, die früh die Leistung des Malers erkannten. Bauhausgrüner Walter Gropius sah in Hamburg C.D. Friedrichs „Eismeer“ (1823/24) und nahm dessen Formen 1922 in seinem „Denkmal für die Märzgefallenen“ auf. Walt Disney kaufte 1935 in München 149 Bildbände, zahlreiche davon über Friedrich, und gab sie als Anregung für „Bambi“ seinen Zeichnern in Hollywood. Und für Samuel Beckett wurden 1937 beim Besuch in Dresden die „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819) zum Urerlebnis, das ihn zu „Warten auf Godot“ inspirierte.

„Er ist auf

einem irren Weg.“

Johann Wolfgang von Goethe Dichter
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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Re: Der Bildempfinder

Neuer Beitragvon pentium » 5. September 2024, 16:19

Zum heutigen 250. Geburtstag Caspar David Friedrich: Von diesem Platz am Wolfsberg in der linkselbischen Sächsischen Schweiz sind Teile des berühmten Panoramas seines Gemäldes: "Der Wanderer über dem Nebelmeer" zu sehen. Hier empfing er seine Anregungen, gemalt hat er es zu Hause
https://x.com/Forstler1/status/1831690641367015487
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