Lars Klingbeil erklärte den Landkreisen im Juni, er habe sich massiv dafür eingesetzt, dass die Kommunen einen großen Anteil vom neuen Sondervermögen bekommen. Bei Ländern und Kommunen zusammen kamen daraus 2026 rund 8,3 Milliarden Euro im Jahr an, das Defizit allein der Kommunen wuchs im selben Zeitraum allerdings auf einen Rekord von 31,9 Milliarden Euro.
Die Ursache dafür liegt tiefer als ein einzelnes Förderprogramm.
Kommunen tragen ein Viertel der gesamten Staatsausgaben und bekommen davon nur ein Siebtel der Steuereinnahmen zurück, ein Missverhältnis, das der Deutsche Städtetag seit Jahren beklagt.
Die Steuerverteilung dahinter stammt im Kern aus der Gemeindefinanzreform von 1969 und wurde seither in mehr als fünfzig Jahren nur in Details angepasst, nicht grundlegend neu gedacht.
Auf der Ausgabenseite ist im selben Zeitraum das Gegenteil passiert.
Der Bund hat immer mehr Sozialgesetze beschlossen, die vor Ort umgesetzt und mitfinanziert werden müssen, Bürgergeld und Kosten der Unterkunft, Eingliederungshilfe, Kita-Rechtsanspruch, Pflege, Unterbringung von Geflüchteten.
Das Tückische daran, das Konnexitätsprinzip, also der Grundsatz wer eine Leistung anordnet, muss sie auch bezahlen, gilt verfassungsrechtlich fast überall nur zwischen Land und Kommune, nicht zwischen Bund und Kommune.
Der Bund kann also ein Gesetz beschließen, das am Ende bei Städten und Gemeinden landet, ohne automatisch verpflichtet zu sein, ihnen entsprechend mehr Steueranteile abzugeben. Ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro über zwölf Jahre für Länder und Kommunen zusammen ändert an dieser Schieflage wenig.
Wie sich das konkret auswirkt, zeigt Stuttgart. Die baden-württembergische Landeshauptstadt schloss 2025 mit einem Rekorddefizit von 711,7 Millionen Euro ab, dem höchsten Fehlbetrag ihrer Stadtgeschichte. Die Gewerbesteuereinnahmen brachen nach den Ausnahmejahren 2022 und 2023 stark ein, gleichzeitig stiegen die Ausgaben für Personal und Soziales seit 2021 um rund 1,2 Milliarden Euro oder 34 Prozent.
Stuttgart ist damit kein Einzelfall, sondern der bundesweite Trend im Kleinen. Das gesamtdeutsche Kommunaldefizit stieg von 24,8 Milliarden Euro 2024 auf 31,9 Milliarden Euro 2025, den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung.
Städtetags-Präsident Burkhard Jung beschrieb die Lage im März so, die städtischen Haushalte seien im freien Fall.
Der bundesweite Investitionsstau der Kommunen erreichte laut KfW-Kommunalpanel einen Rekordwert von 215,7 Milliarden Euro, ein Anstieg um 29,6 Milliarden Euro innerhalb eines einzigen Jahres.
Den größten Anteil daran haben
- Schulgebäude, 67,8 Milliarden Euro
- Straßen und Verkehrsinfrastruktur, 53,4 Milliarden Euro
Wenn Städte ihre Ausgaben sperren, trifft das also zuerst die Infrastruktur, die niemand sofort vermisst und die trotzdem jeder nutzt.
Parallel dazu können immer mehr Kommunen selbst den laufenden Unterhalt ihrer Infrastruktur nicht mehr in vollem Umfang stemmen, 19 Prozent insgesamt, bei Straßen bereits 32 Prozent.
Und selbst die 8,3 Milliarden Euro, die bei Ländern und Kommunen ankommen, sind zu einem großen Teil kein zusätzliches Geld. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnete nach, dass bei einem Großteil der Fondsausgaben im laufenden Jahr keine echte Zusätzlichkeit besteht, weil Mittel aus dem regulären Haushalt lediglich verschoben werden, allein im Verkehrsbereich fast 10 Milliarden Euro.
Was bei Ländern und Kommunen zusammen tatsächlich neu ankommt, deckt nach dieser Rechnung nicht einmal ein Drittel des laufenden Jahresdefizits der Kommunen.
Seit 1969 ist die Verteilung dahinter unverändert, ein neues Versprechen alle paar Jahre, eine grundlegende Reform bis heute nicht.
Quellen: Statistisches Bundesamt · Deutscher Städtetag · KfW Research · Institut der deutschen Wirtschaft Köln · Stadt Stuttgart · Bundesfinanzministerium · hessenschau
https://x.com/AchWasNews/status/2089227 ... 07442?s=20